Home Главы Интервью 2014 Interview mit Adrian Hates zum 5-jährigen Jubiläum der russischen Fanseite von Diary of Dreams "the Valley"

Interview mit Adrian Hates zum 5-jährigen Jubiläum der russischen Fanseite von Diary of Dreams "the Valley"

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29.06.2014 & 03.09.2014 © Sandra Golchert für the Valley

      Auf der Bühne

      
        the Valley: Im Laufe eurer gesamten Konzertgeschichte habt ihr verschiedene Bühnenoutfits ausprobiert: es war der Cyber-Gothic-Stil in den frühen 2000er Jahren, und fast der Fantasy-Stil in den späten Jahren... Es ist bekannt, dass du viel Aufmerksamkeit nicht nur dem schenkst, wie ihr auf der Bühne klingt, sondern auch dem, wie ihr da ausseht. Was kannst du über den heutigen Stil von Diary of Dreams erzählen? Was möchtest du damit zeigen (wenn überhaupt)?
      Adrian Hates: Wir versuchen schon, dass die optische Präsentation in einer gewissen Harmonie zu dem steht, wie wir denken, dass sich die Musik auch anfühlt. Gerne würden wir das noch exzessiver zelebrieren, indem wir, zum Beispiel, auch die Bühne entsprechend dekorativ gestalten, das hat sich nur in der Vergangenheit immer als recht schwierig erwiesen, da man sehr schnell an die Grenzen der Kapazitäten stößt, das heißt Transportkapazitäten, Gewicht und ähnlichen Faktoren. Auch gerade bei der aktuellen Tour: wir wollten eigentlich monströse Aufbauten auf die Bühne bauen. Aber es wäre einfach nicht realisierbar gewesen und so versuchen wir es zumindest in der Kleidung in einem gewissen Umfang passend und vor allem so zu machen, dass man sich wohl fühlt. Das ist ultrawichtig, wenn man auf der Bühne steht, dass man mit sich im Reinen ist, wenn man da steht, und nicht das Gefühl hat: „Oh, ich fühl mich in der Jacke so gar nicht wohl“. So ergab sich das von Mal zu Mal, je nachdem, mit wem wir zusammengearbeitet haben oder auch mit welchen Endorsement Projekten wir zusammengearbeitet haben, damals mit „Art of Dark“, zum Beispiel, haben wir eine Kooperation gehabt, da kam dann dieser Cyber-Gothic-Stil, auch wenn es zu der Zeit noch keinen Cyber-Gothic gab. Es war ein Düster-Look mit leicht futuristischen Elementen und gleichzeitig diese Blutträne.

      the Valley: Auf den vorherigen Touren sind deine Mitmusiker und du vor dem Publikum in verschiedenen Gestalten erschienen: in der Nekrolog 43-Epoche habt ihr uns an mittelalterlichen Krieger erinnert; während der G(if)Tour haben wir dich in einer Jacke gesehen, die uns etwas an Uniformjacke des 19.Jahrhunderts erinnert hat; während der ersten Auftritte der „Ego:X“-Epoche konnte man euch in den Bühnenoutfits mit Military-Elementen sehen. Wird uns diesmal ein weiterer Exkurs in der Geschichte erwarten? Oder habt ihr vor, diese Tradition zu ändern?
      Adrian Hates: Ich vermeide es ja grundsätzlich, Prognosen und Vorhersagen für die Zukunft abzugeben, von dem, was wir machen wollen oder werden, und deswegen würde ich da ungern drauf antworten wollen, einfach weil ich denke, dass auch die Spannung und der Reiz daran, nicht zu wissen, was man mit dem nächsten Album im Detail macht. Jedes Album lassen wir neu auf uns zukommen und es ergeben sich immer neue Kontakte, man sitzt mit kreativen Leuten zusammen und hat neue Ideen. Und wenn dann mal optisch etwas komplett anderes herauskommt, oder auch von der Kleidung her, dann bin ich da immer sehr interessiert und sehr offen. Sind wir eigentlich alle! Deshalb würde ich da weder mit „ja“ oder mit einem „nein“ darauf antworten. Es ist alles offen.

      the Valley: Warum habt ihr letzter Zeit auf Bühnenoutfits verzichtet?
      Adrian Hates: Haben wir nicht! Wir haben uns vor jeder Tour sehr intensiv darum gekümmert. Auch wenn es manchmal auch nur passende Schuhe zu einer coolen Hose, ein sauberes Hemd und eine schöne Jacke war. Jeder, der gezielt einkaufen gehen musste, um so etwas zu besorgen, weiß, was das für eine Herausforderung sein kann. Es muss einfach passen: zum Inhalt, zur Musik. Und wenn das erfüllt, ist das wunderbar, aber das heißt nicht, dass wir auf irgendwas verzichtet haben auf der Tour.

      the Valley: Warum habt ihr die Songs “Rumours about angels” und “Play God!“ so selten auf der Bühne gespielt? Sie sind ja so beliebt und gefühlsbetont. Warum habt ihr entschieden, „Rumours...“ während dieser Tour wieder zu spielen?
      Adrian Hates: Wir haben „Rumours about angels“ fast ein Jahrzehnt lang gespielt, „Play God!“ auch über Jahre, das war ja damals dann auch auf der DVD enthalten. Nach dieser Tour hatten wir unser komplettes elektronisches System umgestellt und dafür musste ich alle Songs komplett neu machen. Also „kompositorisch“ von Null anfangen. Klar, man hat natürlich die Basis des Songs, die kennt man ja, aber komplett neu aufbauen und neu splitten, so dass das für die Bühnenarbeit entsprechend wieder geeignet ist. Da sind damals einfach einige Stücke 'rausgeflogen, die man über Jahre hinweg gespielt hat, und dann überlegt man sich vor jeder Tour, was man jetzt mal wieder reinnehmen könnte und was mal wieder 'rausfliegt. „Rumours...“ und „Play God!“ sind auch immer Favoriten von uns gewesen, dennoch muss man darauf achten, dass man seine Lieblingsstücke nicht so lange spielt, bis man sie nicht mehr hören kann. Wenn man dann ein paare Jahre Pause macht und sie dann wieder ins Programm 'reinnimmt, ist das umso spannender und umso freudiger. Bei der aktuellen Tour ist ja einiges wieder eingekommen, was wir ewig nicht gespielt haben, und auch Sachen, die wir noch nie gespielt haben. Ist doch schön, wenn man den Luxus hat, dass man das so machen kann. So kann man sich selbst und auch das Publikum von Tour zu Tour neu überraschen von dem, was man spielt, das ist der spannende Charakter einer Tour.

      the Valley: Nun, da die Tour angefangen hat und einige Konzerte schon vorbei sind, kannst du verraten, was habt ihr von dieser Tour erwartet? Hat sich etwas von euren Erwartungen schon erfüllt?
      Adrian Hates: Erstaunlicherweise war es von den Besucherzahlen die erfolgreichste Tour, die wir gemacht haben in all den Jahren. Das hat mich persönlich natürlich sehr gefreut, da der Markt ansonsten doch eher schwierig ist. Auch die CD Industrie ist da ja eher bedenklich als alles andere. Dann so einen Erfolg einfahren zu können, ist dann natürlich etwas sehr Schönes und Positives und stimmt einen doch mit einer gewissen positiven Neigung. Erwartungen habe ich als solche nicht an eine Tour, ich hoffe, dass sie gut läuft, dass es den Leuten gefällt, dass die Songauswahl gut ist, und ansonsten erfreuen wir uns einfach daran, dass wir auf Tour sein können. Das Feedback der Leute, die Kommunikation, die Gespräche danach, der Input, die Inspiration, die man wieder mit nach Hause nimmt ins Studio. Das sind so eigentlich die Faktoren, die ich als besonders wichtig empfinde. Andere Erwartungshaltungen hat man nicht, ich wüsste auch gar nicht, was andere Erwartungshaltungen sein könnten.

      the Valley: Wie lange plant ihr auf dem Alt Fest 2014 aufzutreten? 1 Stunde wie Headliner oder nur 45 Minuten?
      Adrian Hates: Eine ganz tolle Frage. Es gibt wahnsinnig viele Leute, die glauben, wir dürften entscheiden, wie lange wir spielen wollen. (lacht) Das ist leider generell nicht der Fall, außer auf der eigenen Tour. Auf Festivals hat man grundsätzlich eine festgelegte Spielzeit, an die man sich halten muss. Man kann sich dann aussuchen, ob man diese Spielzeit mit einem kompletten Set ausfüllt, oder das Risiko eingeht, dass sich ein Zugabenstück 'raussubtrahiert, das man dann gegebenenfalls nicht spielt, weil keine Zugaberufe kommen. Deshalb sind wir in der Regel die, wenn wir nicht in einer Headlinerposition spielen, die die uns zur Verfügung stehende Zeit komplett ausspielen. Wie beim Alt Fest die Spielzeit ist, kann ich gerade gar nicht sagen. Das sind noch so viele Konzerte in der Planung, dass ich die einzelnen Zeiten nicht im Kopf habe.

      the Valley: Habt ihr vor, dieses Jahr auf den anderen Sommerfestivals (wie z.B., WGT, M’era Luna, Amphi oder NCN) zu spielen?
      Adrian Hates: Ja, auf dem Blackfield waren wir ja Überraschungselement. Dann das Alt Fest, natürlich. Die Frage, auf welchen Festivals man spielt, beantworte ich ja auch eigentlich immer so, dass ich erst dann über Konzerte sprechen kann, wenn sie wirklich dingfest sind. Dann stehen sie auch online. Dass man in einem Jahr, wo man selbst auf Tour ist und selbst auch eigene Konzert spielt, weniger auf Festival spielt, ist klar, weil Festivals eine zeitliche Exklusivität und einen Gebietsschutz haben, und das kommt einem mit der eigenen Tour meistens in die Quere. Wir wollen dieses Jahr den Schwerpunkt eher auf die eigenen Konzerte setzen als auf Festivals. Ich denke, dass eher im nächsten Jahr die Festivalpräsens wieder steigen wird.

      the Valley: Ihr wurdet so herzlich in Südamerika aufgenommen. Habt ihr vor, dieses Jahr eure südamerikanischen Fans wieder zu besuchen?
      Adrian Hates: Wir wurden in der Tat extremst herzlich aufgenommen und das auch schon vor vielen Jahren in Buenos Aires, Santiago de Chile oder Sao Paulo und in Mexico. Man muss sich das als Fan so vorstellen, dass wir als Band natürlich am liebsten so viel wie möglich spielen würden. Es sind dann meistens eher Gründe, wo sich ein Promoter wechselt, sich kein Neuer findet, wo die Finanzierungsprobleme da sind, weil, beispielsweise, die Flüge nach Mexico exorbitant teuer sind und es wahnsinnig schwierig ist, ein Konzert so zu machen, dass sich das überhaupt selbst finanzieren und tragen kann. Wenn es nach mir geht, wären wir konstant unterwegs. Ich würde wahnsinnig gern sofort wieder in den Flieger steigen und nach Südamerika kommen. Aber man muss sehen, wie sich da die Verhandlungen ergeben und wann wir wieder nach Südamerika reisen dürfen.

      the Valley: Merkt ihr, wenn eure Fans auf euren Konzerten nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht, wenn man wegen eurer Musik tobt und rast? Das mag recht komisch von außen aussehen, oder?
      Adrian Hates: Es gibt so Konzerte, wenn die ganze Halle tobt... warst du in Hamburg dieses Jahr dabei?
      Sandra Golchert: Ja, das war ja wirklich extrem!
      Adrian Hates: Das war ein Superlativ! Das war so ein Ding, da kann ich sagen: Ja, da merkt man, dass alle aus dem Häuschen sind, das alle 100% bei der Sache sind, sich fast aufopfern für das Konzert und das war auch ein gemeinschaftliches Hochschaukeln. So war es auch in Sao Paulo, da erinnere ich mich noch sehr gut. Oder wie es damals in Santiago de Chile war… da gibt es jetzt dutzende Beispiele, die ich nennen könnte. Auch immer wieder Konzerte in Russland. Man merkt das schon, wenn da eine Art Ekstase entsteht, wenn alle sich komplett fallen lassen. Diese Momente der Zusammengehörigkeit, das sind schon beeindruckende Momente, die möchte man natürlich am liebsten jedes Mal haben, aber auf der anderen Seite ist die Wertschätzung dieser Momente gerade so kostbar, eben weil es kein Standard ist. Und das ist wiederum auch kein Vorwurf an die Konzerte, wo das dann nicht so ist, das heißt nicht, dass das schlechte Konzerte sind. Weder vom Publikum noch von uns.
      Sandra Golchert: Allein in Tallinn im Dezember 2013; das war ja auch eher gemütlich, kleiner gehalten und trotzdem sehr schön!
      Adrian Hates: Ja, das war auch einfach sehr schön. Ich fand es auch sehr toll, wie eine kleine Gruppe an Leuten ganz offensichtlich ein Konzert total genießen kann und man zusammen etwas so feiert.

      the Valley: Kannst du ein Konzert in eurer Konzertgeschichte nennen, das am längsten gedauert hat? Wie lange hat es gedauert und wo hat es stattgefunden?
      Adrian Hates: Ha... kann ich nicht sagen. (denkt nach)
      Konzerte über zwei Stunden hat es ja schon häufiger gegeben. (Pause)
      Beim besten Willen... ich hab gerade nochmal ein bisschen resümiert, aber bei weit über 400 Konzerten... mich jetzt im Detail an jede Showlänge zu entsinnen, ist kaum möglich. Bei fast jedem Konzert habe ich ein relativ klares Bild im Kopf von der Location und es kommt selten mal vor, dass ein Club im Kopf nicht mehr vorhanden ist. Aber bei den Spielzeiten muss ich passen.

      the Valley: Zu unserem großen Vergnügen habt ihr entschieden, euch direkt an die Fans zu wenden, um zu erfahren, welche Songs aus euren vorherigen Alben wir auf der kommenden Tour hören möchten. Herzlichsten Dank dafür! Was habt ihr empfunden, als ihr die Antworten von den Fans bekommen habt? Sind die am häufigsten erwähnten Songs denen gleich, die ihr selbst mögen? Wart ihr überrascht, wie herzlich die Fans auf euren Vorschlag reagiert haben?
      Adrian Hates: Das war die reinste Verbal-Lawine, das war schon sehr beeindruckend. Ich habe mit dem Feedback überhaupt nicht gerechnet. Es war für uns auch sehr interessant zu sehen, ob unsere Einschätzung von dem, was die Fans gerne hören würden, und dem, was wir gern spielen möchten, sich in vielen Punkten einfach deckte. Das fand ich sehr beeindruckend und das hat uns natürlich irrsinnig gefreut, denn es steckt ja in der Vorbereitung einer Tour richtig viel Zeit und Mühe im Detail, und dass das dann so passte, hat uns erstmal wahnsinnig gefreut. Auch die Anteilnahme überhaupt an dem Thema Konzerte war so enorm, das hat uns doch sehr überrascht. Und ich habe alles ausführlichst gelesen, das meiste sogar mehrfach, habe mir teilweise Notizen gemacht und mir herausgesucht, welche Songs besonders oft genannt wurden, welche Songs sind realisierbar und welche nehmen wir mit in die Zukunft und was wollen wir selber neu machen. So ein Input wird von uns immer sehr ernst genommen und auch definitiv verarbeitet. Man kann natürlich nicht immer alles gemäß den Wünschen umsetzen, das ist klar, zumal man dann auch mehrere Stunden spielen müsste, aber es ist nie so, dass so eine Information einfach versackt, ohne irgendeinen Effekt zu haben.

      the Valley: Wann können wir euch wieder in Moskau, St.Petersburg und den anderen Städten Russlands, wo man euch so liebt, wieder sehen?
      Adrian Hates: Dieses Jahr noch! Ich glaube, in November war das, die Konzerte sind ja mittlerweile angekündigt.

      
 
       Schöpfungsprozess

      
        the Valley: Mit Hilfe von welchen Musikinstrumenten nehmt ihr eure Musik auf? Man interessiert sich für den Namen der Hersteller und warum gerade diese Hersteller und nicht die anderen? Welche Software wird für die Aufnahme verwendet?
      Adrian Hates: Wir arbeiten alle auf jeden Fall mit Apple und auf diesen haben wir in der Regel Logic Pro, neuste Version. Wir haben Endorsementverträge mit Native Instruments, insofern benutzen wir viel Software von denen, aber die Softwareplugins jetzt aufzulisten wäre zu viel. Das sind einfach wahnsinnig viele Firmen, aber Native Instruments ist auf jeden Fall der am meisten genutzte Anbieter.
      Zudem haben wir ein großes Stagepiano von Yamaha, von denen wir auch endorsed sind. Diverse Akustikgitarren, E-Gitarren und Bässe – steht hier alles rum und wird dann je nach Bedarf benutzt. Die Kontrabässe und das Cello kennt man ja noch von den Akustikkonzerten der letzten Tour. Man greift also eigentlich immer zu dem Instrument, das einem entweder in den Fingern kitzelt, wonach es einem gerade ist oder wenn man eine präzise Idee hat, wenn ich sage: Ok, ich habe gerade eine Idee im Kopf für ein Klavier, dann setz' ich mich natürlich ans Klavier. Der Prozess entsteht nie generalisiert oder vom Ablauf stets gleich geplant. Es ist immer so: was war da der Inspirationsfunke? War es ein Loop, war es ein Rhythmus, war es eine Melodie, war es eine Stimmung oder war es eine Note oder war es ein Satz. Das kann das alles entsprechend ändern. Ein gutes Beispiel hierbei ist “Soul Stripper“: „Never go, never let me go“. Dann höre ich schon einen Groove im Kopf, dann kommt die Bassnote dazu, die man sich dann entsprechend aussucht, weil sie harmonisch passt und sich gut in die Stimmung einfühlt, und so addiert sich sowas hoch. Bei anderen Stücken ist es natürlich anders. Bei „She and her darkness“ war es natürlich ganz klar die Klaviermelodie als erstes da, und der Rest baut sich Stück für Stück auf. Manchmal ist wirklich ein kompletter Text da, der einfach nur vertont wird. Es ist Freiheit des Schreibens, die ich da so liebe, dass man eben nicht einen immer gleichen Ablauf in der Herangehensweise hat. Es gibt ja viele Leute, wo es klar festgelegt ist: der Sänger schreibt die Texte, der Gitarrist schreibt die Musik und so weiter. Das würde mich zu Tode langweilen. Für mich würde es nicht funktionieren, das wäre ein absoluter Kreativitätskiller, wenn ich von vorn herein weiß, ich darf jetzt gerade damit gar nicht anfangen, weil zuerst muss ja das und das stehen. Das würde mir einfach den Spaß am kreativen Arbeiten so eingrenzen, dass ich auch wieder einen Bürojob machen kann.

      the Valley: Du und die Technik. Bist du eher ein Technophob, ein Technophil, oder ziehst du eher vor, die Technik für deine Ziele einfach zu nutzen, ohne irgendwelches Verhalten zu ihr zu haben?
      Adrian Hates: Ich würde sagen definitiv Letzteres, also Technophob bin ich definitiv nicht. Wenn man sich hier so umguckt, wäre das relativ unsinnig daran zu glauben. Auch in der heutigen Zeit kann einem die Technik viele Dinge erleichtern und helfen, Dinge realisierbar und auch finanzierbar zu gestalten. Allein auch vom Produktionsaufwand her, zu analogen Zeiten musstest du viel, viel mehr arbeiten, um gewisse akustische Ziele zu erreichen. Heute geht das viel leichter, sei das durch Plugins, durch Aufnahmetechnik oder eben die ganzen Möglichkeiten, die sich ergeben. Aber ich bin jetzt auch nicht süchtig nach Technik, also ich bin auch mal froh, wenn ich die ganze Geschichte mal aus lassen kann und mich nicht damit auseinandersetzen muss. Ich glaube, ich bin ein Nutznießer: interessiert, aber nicht süchtig. Ich brauche auch nicht immer das Neuste vom Neusten, ich brauche etwas, das mir die Dienste erfüllt, die ich mir erhoffe und damit bin ich dann auch eigentlich zufrieden.

      the Valley: Es ist klar, dass man eine Epoche erst nach ihrer Beendung bewerten kann (und ich hoffe, Diary of Dreams werden diesen Zeitpunkt noch lange nicht erreichen). Aber jetzt schon kann man, wie es mir scheint, gewisse Etappen in der Kreativität der Band auszeichnen, wenn man sich die Formate der Releases genauer anschaut: bis 2000 waren es „einfach“ Alben, nicht mehr und nicht weniger. Nach 2000 und im Laufe von etwa 7 Jahren wurden Maxi-Singles zuerst veröffentlicht, die entweder die Songs von den kommenden Alben oder vorher unveröffentlichte Songs enthalten haben; und in den letzten 5 Jahren gab es ein Album in 2 verschiedenen Versionen – in einer regulären und in einer erweiterten mit vorher unveröffentlichten Material – geben. Woran liegt es?
      Adrian Hates: Ich glaube, dass die Arten der Veröffentlichung oftmals Zeichen seiner Zeit sind. Wenn man jetzt ganz zurückdenkt an den Anfang der 90’er Jahre, da war ja ein Digipak schon etwas Spektakuläres. Damals reichte ein Digipak, um eine CD als Limited Edition verkaufen zu können. Das war schon so außergewöhnlich und so teuer, dass das reichte.
      Später dann kamen Bonustracks, eine Bonus CD. Jetzt muss man mittlerweile, um den neuen Kunden oder Fan reizen zu können, noch eine DVD dabeihaben, am besten noch Gimmicks und was weiß ich was. Man muss sich dann immer fragen, inwieweit man sich dieser Erwartungshaltung und dieser exzessiven Art und Weise mit Tonträgern umzugehen hingibt. Unser Höhepunkt war definitiv „Ego:X“, was diese Editionszelebrierung angeht, und das war für mich auch das letzte Mal. Ich werde das in dem Umfang nicht mehr machen, weil ich es auch nicht mehr will. Manchmal ist der Fokus auf weniger auch gesünder, finde ich.
      Singles und Minialben gab‘s dann immer wieder, das stimmt. Wobei ich heute der Meinung bin, dass ein Minialbum schon sehr nahe an einem Album dran ist, also bei uns zumindest, denn ich versuche einen Tonträger immer so anzugehen, dass ich denke, dass ich selbst ihn kaufen wollen würde und nur dann würde ich ihn veröffentlichen. „MenschFeind“ und „Panik Manifesto“ haben 7-9 Stücke, und es gibt viele Bands, die haben auf einem regulären neuen Album nicht mehr Stücke. Aus rein wirtschaftlicher Denkweise war das von uns fast dämlich, denn wir hätten nach unseren Standard ein paar mehr Stücke draufpacken müssen und wir hätten ein neues Album gehabt. Aber trotzdem liebe ich diese beiden Minialben sehr und deswegen bin ich sehr glücklich, dass wir sie in unserer Diskografie haben.
      So reist man durch die Jahre, durch die verschiedenen Epochen in der Musikgeschichte und probiert dann einfach auch mal verschiedene Sachen aus, die man entweder reizvoll findet oder die man irgendwo mal gesehen hat und toll fand, und möchte es gerne auch mal selbst ausprobieren. Singles waren immer ein beliebtes Tool, um gerade im Club ein bisschen mehr Rotation zu bekommen und auch im Radio und anderen Medien vorschnuppern lassen zu können, wie denn so ein Album von uns klingt. Und dann haben wir uns bemüht, die schön aufzuwerten. Gerade bei „Giftraum“, finde ich, ist uns das extrem gut gelungen. Irgendwann war natürlich durch die Zerstörung des Musikmarktes im allgemeinen eine „Maxi CD“, wie man so schön sagt, schlicht und ergreifend nicht mehr sinnvoll und auch nicht mehr finanzierbar. Jetzt konzentrieren und reduzieren wir uns, wie wir es auch bei „Elegies in Darkness“ gemacht haben, das ist eigentlich so die schönste Variante, wie wir es schon bei „Nigredo“ und „(if)“ gemacht haben: die schöne Box, ein paar Kleinigkeiten drin, ein schönes Digipak, vielleicht mal als Doppel CD, mal als Einzel CD, wie jetzt mit ein paar Bonustracks und dann eine normale Jewelcase Edition finde ich stimmig. Dann gibt’s ja so und so noch die Digitalauflage... genug Auswahl.
      Das gibt’s dann so einen kleinen Eindruck, wie man so in einem Zeitraum von 20 Jahren, die es ja tatsächlich sind seit dem Debüt, wie man da durch die verschiedenen Musikströmungen mitgezogen wird und manchmal einfach Sachen ausprobiert und manchmal Sachen auch einfach Zeichen einer Zeit sind, Zeichen einer Generation. Und dann 10 Jahre später kann man sich kaum vorstellen, dass man das überhaupt gemacht hat.

      the Valley: Mit welchen Bildern wird dein Bewusstsein angefüllt? Auf welche Bilder stützen sich deine Kompositionen?
      Adrian Hates: Das ist ganz schwer, allein weil das über die Jahre von Album zu Album vollkommen unterschiedlich ist, aber was sie so alle gemeinsam haben, ist eine gewisse Schwere, eine gewisse Melancholie und Düsternis. Ich glaube, das gepaart mit meiner Sichtweise und Darstellungsweise unserer Spezies, gepaart mit meiner Wahrnehmung der Umwelt bzw. der Natur, das spielt bei mir eine ganz große Rolle. Also der Blick aus dem Fenster, die Art und Weise wie ich lebe, die hat natürlich einen großen Einfluss darauf, wie ich auch Musik wahrnehme. Also wenn ich am Klavier sitze, gucke ich in eine grüne Wand und sehe nichts was irgendwie mit Zivilisation zu tun hätte… außer vielleicht einen gemähten Rasen. (lacht) Ansonsten ist das ein sehr fokussiertes Schreiben, ein sehr abgeschiedenes. Das ist so die Info, die man als allgemeines geben kann, ansonsten ist es dann von Fall zu Fall doch zu spezifisch, weil jedes Stück seine eigene Geschichte schreibt, seine eigene Stimmung hat und seine eigenen Bilder im Kopf entstehen lässt.
      „the Valley“ zum Beispiel: da habe ich einen Traum vom Ertrinken gehabt und das war ein sehr langer Traum, der auch vollkommen unnatürlich von seinem Ertrinkungsprozess war, weil ich Ewigkeiten unter Wasser war und ich war in einem reißenden Fluss, stand aber auf der Stelle. Das war als Bild enorm, denn ich konnte durch das Wasser auch nach oben gucken, ich konnte das Land sehen. Dann gab’s, zum Beispiel, „never'Freeze“ von der „Psychoma?“, das hatte ein relativ ähnliches Thema witzigerweise: da habe ich geträumt, ich wäre in einer Eisschicht eingefroren und hatte in meinem Blickfeld eine eingefrorene Blume, deshalb auch der Untertitel „Flower in Ice“. Ich habe durch diese Eisschicht die Welt wahrgenommen und das spiegelt sich dann im Text wieder.
      Das mal so als zwei Beispiele, wie unterschiedlich das ist, aber kann man keine Generalisierung der Bilder machen.

      the Valley: Du hattest einmal erwähnt, dass du an einem Soundtrack zu einem Film arbeiten möchtest, und es wurde auch einmal erwähnt, dass du es auch getan hast. In 2009 hast du gesagt, dass du an einem Buch arbeitest. Eigentlich bezieht sich die Frage in erster Linie auf den Soundtrack und das Buch: wie steht es jetzt mit diesen beiden Projekten? Möchtest du sie immer noch verwirklichen oder haben andere Projekte ihren Platz eingenommen?
      Adrian Hates: Es gibt natürlich Projekte, die ich mache, die ich auch veröffentliche, über die ich aber nicht spreche, weil das Dinge sind, die ich nicht mit meiner normalen kreativen Arbeit verbunden sehe. Weil es dann auch mal Dinge eher technischer Natur sind und rein musikalisches Handwerk ist, wo jetzt keine Passion drinsteckt. Denn irgendeine kleine musikalische Begleitung für irgendjemanden zu machen, ist jetzt nichts, was ich als Repräsentation dessen sehe, wofür ich stehe. Deswegen würde ich das auch nicht publizieren oder damit werben. Es gibt immer mal wieder Soundtrackanfragen. Es gab jetzt auch, zum Beispiel, ein Computerspiel, wo Interesse angemeldet wurde, vom aktuellen Album etwas zu nutzen. Jetzt gerade sollte „Daemon“ eigentlich in ein Computerspiel, es ist aber in der letzten Auswahl leider nicht durchgekommen. Das finde ich dann natürlich sehr schade. Ich würde auch gerne mal für einen Film oder ein Computerspiel etwas komplett Neues und Eigenes machen, was nicht bereits schon existiert. Gerne auch für einen Kinofilm aus Amerika oder Frankreich, wobei ich nicht Hollywood meine. Mehr so Independent, das ist wahrscheinlich eher mein Ding als ein Hollywood Blockbuster. Wobei das alles reines Wunschdenken ist, da kann ich genauso gut vom Lottogewinn träumen… genauso realistisch ist das. Da schlagen sich tausende Köpfe um die Arbeit, die dann am Ende in so einem Markt 10 Leute machen. Insofern hoffe ich weiter still und insgeheim… vielleicht ergibt sich der Tag, wo das Telefon klingelt und mir ein ganz toller Auftrag angeboten wird, über den ich mich riesig freue. Aber ich werde nicht unglücklich sterben, wenn ich das nicht bekomme.
      Ja, und das Buch, das ist eine Sisyphusarbeit, die auch noch Jahre dauern wird. Ich habe da schon ziemlich genaue Vorstellungen, wie das sein soll, es soll eben für viele Leute interessant sein und nicht nur für Fans. Deshalb muss ich das mal in einem Jahr machen, wo ich in meiner Freizeit kein .com/kill Album mache. (lacht)

      the Valley: Wie bist du mit der Arbeit an deinem Buch vorangekommen?
      Adrian Hates: Da gäbe es schon eine Menge, was man lesen könnte, was man sich auch ansehen könnte. Aber da möchte ich nichts vorweg nehmen, da gibt’s noch richtig viel Arbeit. Es gibt auch schon Interessenten, die das verlegen möchten. Aber dazu muss es erstmal fertig werden. Ich möchte noch nichts weiter verraten, du weißt ja, dass ich das äußerst ungern mache.
      Aber man hat natürlich immer dieses Kribbeln in den Fingern, wenn man denkt, so eine Autobiografie klingt groß… aber was wir allein an Tourneegeschichten erzählen könnten… die unmöglichsten Dinge, die einem da passieren können. Wenn, zum Beispiel, am Flughafen ein Sicherheitsbeamter mit deiner Gitarre vorbeirennt und du hörst aus den Koffer nur „Tick, tack, tick, tack...“, dann hat sich dein Metronom gelöst und der ganze Flughafen ist in Panik. (lacht) Solche Dinger und noch viele andere Geschichten, die noch viel spektakulärer sind, die man auf Reisen, beim Zoll, beim Grenzbereich, in Bussen und Zügen erlebt, das ist schon enorm. Allein mit Reisegeschichten könnten wir Bücher füllen und vielleicht findet das ja in einem gewissen Umfang auch statt.

      the Valley: Was ist für dich primär, der Text oder die Musik? Kann es in deinem Schaffen musikalische Werke und poetische Texte getrennt geben oder sind sie unteilbar? Grob gesagt, gibt es eine Chance mal eine CD mit deiner „Musik ohne Worte“ und ein Buch mit deinen Gedichten zu kaufen?
      Adrian Hates: Gibt es auf jeden Fall, das ist auch auf unseren Listen von Dingen, die wir in Zukunft machen möchten: eine Instrumental CD, wie auch eine Sammlung an Wörtern, also getrennt von Musik. Ich kann mir die Koexistenz genauso gut vorstellen wie eine Trennung, aber ich schreibe anders, wenn ich nicht auf Musik ausrichte. Ich schreibe mit anderen Worten und es ist wichtig für mich zu wissen, ob ich jetzt einfach schreibe des Schreibens wegen, oder um es später in ein musikalisches Gewand zu hüllen. Was mir wichtiger ist, kann ich nicht sagen. Es gibt diverse Stücke, die es nicht in die Öffentlichkeit geschafft haben, weil ich keinen Text gefunden habe, der sich richtig anfühlte, und dann bleiben die zurück.

      the Valley: Was macht dich in deinem Berufsleben traurig und was freut dich und macht optimistisch?
      Adrian Hates: Fangen wir erstmal mit dem Negativen an: traurig macht mich mangelnde Wertschätzung, wenn Rezensionen, - ich muss es einfach sagen, wie ich es empfinde - „'rausgerotzt“ werden von Leuten, die sich nicht einmal die Zeit nehmen, ein Album bis zum Ende zu hören, was man dann auch ganz oft durch die Zeilen durchlesen kann. Mangelnde Wertschätzung ist auf jeden Fall etwas, was mich sehr stört, weil das eine Respektlosigkeit gegenüber denjenigen ist, die monatelang wahnsinnig viel Zeit und irrsinnig viel Geld investiert haben. Wütend macht mich natürlich auch die Tatsache, dass es die Entwicklung des Musikmarktes den kreativen Leuten zunehmend schwerer macht, von dem zu überleben, was sie an CDs verkaufen und an Konzerten machen können. Das macht einen schon wütend und traurig, weil man das schon seit so vielen Jahren macht und mal gehofft hat, dass eine gewisse Stabilisierung einsetzt, wo man irgendwann mal durchatmen kann. Aber von der Illusion muss ich mich einfach mal verabschieden, dass das in meinem Leben nochmal stattfindet, das man mal so ein Gefühl der Sicherheit bekommt. Das sind so die Hauptfaktoren, die mich traurig oder wütend machen.
      Was mich enorm freut, ist Feedback, ganz besonders beim aktuellen Album hat mich irrsinnig viel Feedback gefreut. Und auch wenn ich mir dann mal Rezensionen von Fans anschaue, sind das die Rezensionen, die mir viel wichtiger sind, denn man soll nicht glauben, dass Fans nicht kritisch sind. Das ist ja etwas, das man Fans gern nachsagt: „die sind so und so Fans, die fressen eh alles“. Also zumindest bei unseren Fans kann ich definitiv sagen, dass ich sehr oft sehr klare Ansagen bekomme. Und wenn Fans etwas nicht gefällt, sagen die das manchmal konstruktiv und sehr sinnvoll, manchmal auch schrecklich unkonstruktiv, aber dennoch höre ich mir selbst eine unkonstruktive Kritik lieber von einem Fan an, als von einem Menschen, der entweder Geld dafür bekommt, eine Rezension zu schreiben, oder sich keine Mühe gegeben hat.
      Freuen tut es mich natürlich auch, wenn wir auf Tour sind und mit vielen Menschen in so vielen Ländern dieser Welt sprechen können und sehen, dass das so vielen Menschen etwas gibt. Das war etwas, das ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorgestellt hätte. Ich weiß, wie wir damals in unserem kleinen Kellerstudio gesessen haben und von einer CD-Veröffentlichung geträumt haben, als wäre das eine nicht erreichbare Wolke am Horizont. Insofern ist es auch schon interessant zu sehen, wie sich Träume und Ziele weiterentwickeln, wie man sich perspektivisch verändert und seine Ziele stets neu steckt. Im Vergleich zu dem, wo ich vor 25 Jahren war, lebe ich jetzt in einem Paradieszustand. Klar, gäbe es kein Internet, wäre ich schon eine Ecke weiter. Aber das bringt ja auch nichts, sich darüber aufzuregen und zu heulen, denn wir werden es nicht ändern. Wir sind darauf angewiesen, dass möglichst viele von den Menschen, die das, was wir machen, lieben, uns weiterhin unterstützen. Und solange sie das tun, können wir weiter Musik machen, wie lange das allerdings noch der Fall ist, weiß ich nicht.

      the Valley: Schreibst du schon Songs für ein neues Album?
      Adrian Hates: Schon lange, ja.
      Sandra Golchert: Eigentlich ständig, oder?
      Adrian Hates: Ja! Natürlich gibt es nach einer Produktion eine Zwangspause, wo man sich dann erstmal auf die Vorbereitungen der Tournee stürzt und dann probt, probt und probt, aber danach tickert der Kopf sofort weiter: neue Ideen werden aufgeschrieben. Ich hab' gestern mit Gaun:A schon Titeloptionen fürs neue Album besprochen. Wir sind voll im Diary und .com/kill Planungsausschuss und besprechen schon die nächsten Schritte. Wir haben gestern zwei Stücke, die wir auf der .com/kill Tour gespielt haben (das Intro und „Revenge“) weiterbearbeitet und schon für das Album vorbereitet. Es ist echt spannend und jedes Mal ein Prozess, der Adrenalin durch die Adern peitscht. Solange das so ist, und solange ich davon noch ansatzweise meinen Lebensunterhalt verdienen kann, werde ich weitermachen.

     
 
      Elegies in Darkness

      
       the Valley: Welche Songs von .com/kill sind zu Diary of Dreams „umgezogen“? Einige glauben, dass es „Malum“ und „Daemon“ sind. Oder ist es ein Geheimnis?
      Adrian Hates: Nein, da ist nichts umgezogen. Das sind Lieder, die für Diary entstanden sind und die ich auch alle total passend für Diary finde. „Malum“ ganz besonders, das ist ein Stück, das mir gerade bei Diary wahnsinnig viel gibt. Ich weiß im Groben, was man damit meinen könnte: eine gewisse Rhythmusstruktur in der Strophe, aber der Refrain und die ganzen Parts dazwischen ist ganz typisch Diary. So wurde ich bei .com/kill gar nicht arbeiten wollen. Das ist viel zu viel Harmonie, zu viel Abwechslung, zu viel „ganz hoch und ganz runter“, das mache ich bei .com/kill nicht. Bei .com/kill geht’s uns eher um etwas Extatisches, um etwas fast Meditatives, was man sich wie eine elektronische Dampfwalze vorstellt, die einen regelrecht zermalmt und dann wirklich nur Phrasen und Schlagwörter in den Kopf hämmert, wie einen Nagel oder wie Nadelstiche, die ins Gehirn reingehen. Nicht mit einer Melodie, die dann explodiert und dann wieder in sich zusammenfällt. Das sind einfach Faktoren, die ganz typisch für Diary sprechen und nicht für .com/kill. „Deamon“ genauso… ich fühle die Zugehörigkeit sofort, Gaun:A auch. Gott sei Dank, sitzen wir dann immer zusammen und haben da auch nie Zweifel, nie Diskussionen und waren nie anderer Meinung.
      Es gibt natürlich Parallelen, das ist ganz klar: es sind die gleichen Macher, die gleiche Handschrift, die sich irgendwo abzeichnet. Ich glaube aber auch, dass man die Unterschiede immer klarer sehen wird, je mehr Alben auch von .com/kill dazukommen. Desto klarer wird auch die Linie und desto klarer wird die Differenzierung.

      the Valley: Wie glaubst du, hat .com/kill Auswirkung darauf, wie Diary of Dreams nun klingt?
      Adrian Hates: Für uns war es wichtig, Abstand zu bekommen und das neue DoD Album mit frischer Energie und offenem Blick angehen zu können. .com/kill hat uns gezeigt, dass wir uns auch anders kreativ verwirklichen möchten und uns diese Arbeit in jeder Hinsicht bereichert. Gleichzeitig hat sich während der Produktion des .com/kill Albums in aller Klarheit offenbart, wofür Diary of Dreams steht und auch immer stehen wird, und wohin die Reise mit .com/kill gehen wird...

      the Valley: Warum hast du für die Songs “Malum” und “Daemon” lateinische Titel gewählt?
      Adrian Hates: Bei „Daemon“ kann man es so sehen und so sehen, das ist, im Grunde genommen, auch die deutsche Schreibweise, wenn man das „ä“ vermeiden möchte. Aber bei „Malum“ war mir klar, dass ich etwas Abstrakteres brauchte, ich brauchte etwas Unverständlicheres, etwas, wo man sich erstmal Fragen stellen muss und dennoch kein Problem mit der Aussprache hat. Ich wollte etwas Geheimnisvolles dadurch kreieren. Und auch als Opener fand ich das sehr treffend. Bei „Daemon“ ging es mir auch darum, dass der Titel eine Sperrigkeit bekommt, etwas Schwieriges, etwas, worüber man stolpert.
      Sandra Golchert: Mein erster Gedanke war ja eher, dass es in euer typischen Diary-Schriftart kein „ä“ gibt, zumal es dann schon etwas, ich sag mal, blöd ausgesehen hätte, wenn auf einmal ein „ä“ auftaucht.
      Adrian Hates: (lacht) Ja, optisch hätte mir das auch nicht in den Kram gepasst. Das ist jetzt zwar nicht die Begründung, warum wir das so gemacht haben, aber in letzter Instanz wäre es wahrscheinlich daran gescheitert.

      the Valley: In den Texten auf dem neuen Album hört man ziemlich oft die Anrede „du“ („you“). An wen wendest du dich? Vielleicht an irgendwelche gewisse Protagonisten oder an eine Sammelgestalt? Und wie kannst du das Album definieren: ist es ein konzeptuelles Album (wie, z.B., „Ego:X“) oder ist es eher eine Sammlung der einzelnen Geschichten (wie, z.B., „(if)“)?
      Adrian Hates: Es ist ja so, dass die Ansprache nicht so zu interpretieren ist, wie man sie auf den ersten Blick lesen würde, es kann auch so sein, dass ich mich, sozusagen, aus meinem Körper löse und mich selbst betrachte. Gerade wenn die Texte sehr kritisch und fast vernichtend gegenüber anderen Menschen sind, wenn man das so interpretiert, ist das meistens an mich selbst gerichtet. Es ist wie sich selbst im Spiegel zu betrachten und das ist bei Diary ein sehr häufig wiederkehrendes Thema und das hat eine ähnliche Funktion wie die Anrede des „du“. Wenn man in den Spiegel blicken würde, würde man mit der Person auch vom eigenen Körper losgelöst reden – das ist eigentlich der Hintergedanke davon.
      Das Album ist eher eine Sammlung von Geschichten unter einem gemeinsamen Deckmantel. Eine enge Konzeption, wie es bei Nigredo, Giftraum und MenschFeind ist, ist es in diesem Falle nicht. Es hat mehr eine Überschrift, das ist der Titel des Albums, und die einzelnen Songs erzählen Geschichten aus diesem musikalischen und inhaltlichen Gefühl heraus. Es ist eher eine Grundemotion, die vorherrscht, als dass es ein Konzept wäre.

      the Valley: Bei welchen Songs außer “a day in December” hat dich Russland inspiriert (das betrifft nicht nur das neue Album)?
      Adrian Hates: Das ist zum Teil natürlich schwierig, rückwirkend etwas zu sagen, da ich ja immer schreibe und so auch auf jeder Russland Tour geschrieben habe. Herausstechend war auch „Treibsand“, das habe ich damals im Flugzeug nach Afrika geschrieben und es war eine echte Herausforderung, nicht aggressiv zu werden, weil alles so beengt war, und dann habe ich diesen Text geschrieben. Damals hieß es noch „Portioniertes Leben“ als Originaltitel. Aber Songs, die ich in Russland geschrieben habe, das sind immer mal wieder Zeilen, selten komplette Texte. Und wenn, dann habe ich mir das leider nicht so im Detail gemerkt, wie ich das bei „a day in December“ gemacht habe, wo das direkt in einer Produktionspause war. Den Text habe ich direkt ins Studio genommen, vertont und fertig war der Song. Der war sehr präsent von der Erinnerung her, wie er entstanden ist.

      the Valley: Gibt es unter den neuen Songs welche, die du wegen Geschenken von Fans geschrieben hast?
      Adrian Hates: Auch das ist eine Art Input, der subtil immer da ist, denn ich brauche mich hier im Studio und im Haus allgemein nur umsehen und an jeder Ecke steht, hängt oder liegt irgendwas, was ich geschenkt bekommen habe. Da steht, zum Beispiel, ein kleines Keyboard auf meinem Studiotisch, links neben meinem Hauptkeyboard hängt [deine goldene Schallplatte http://www.diary-of-dreams.ru/content/index.php?option=com_joomgallery&func=detail&id=16590&Itemid=71]. Hier stehen auch diverse Totenschädel, gemalte Bilder, Holzkisten mit kleinen Geschichten drin, wirklich viele Gemälde… und natürlich hat das immer einen Einfluss. Es umgibt einen im Alltag und prägt die Wahrnehmung. Ich freue mich immer wahnsinnig über diese kreativen Geschenke, es ist enorm, was sich die Menschen hier für eine Mühe machen. Ich versuche das dann damit wertzuschätzen, dass ich diese Dinge in mein Leben integriere. Da zählt auch diese Gürtelschnalle dazu: die hatte ich auf dem letzten Konzert in Moskau bekommen, das war ein Gesellenstück oder ein Meisterstück, das weiß ich nicht mehr genau. Es ist eine massive Schnalle mit einem Schädel drauf und einem richtig schönem Ledergürtel dran. Von diesem Tag an habe ich den Gürtel jeden Tag auf jeder Bühne und im Alltag getragen.

      the Valley: Gibt es Songs auf dem neuen Album, die aufgrund von etwas Konkretes geschrieben wurden: von einem Ereignis, einer Person oder Erinnerungen?
      Adrian Hates: Das Entmystifizieren solcher Sachen versuche ich natürlich gerne zu vermeiden, da ich denke, dass es spannender ist, wenn man sich als Leser oder Hörer in diesen Worten, die autobiografisch wie auch Fiktion sind, selber wiederfindet. Und diese Möglichkeit hat man eben nur, wenn ich dazu eben nichts sage. Das finde ich viel spannender für den Hörer.
      Vielleicht etwas zu „a dark embrace“: das Stück ist schon stark autobiografisch und sich mit mir, meinem Kopf und meinem Gemüt auseinandersetzt. Also, mit dem Teil, der auch für mich selbst manchmal nicht so einfach ist, mit der schwarzen Seite sozusagen, mit dem dunklen Gemüt, der Melancholie und den dunklen Gefühlen. Es ist für mich manchmal eben wie eine dunkle Umarmung, die einen umgibt und alles in eine etwas düstere Stimmung hüllt, aber in dieser Stimmung kann ich am besten schreiben. Ich finde auch, dass die Sachen, die ich dann schreibe, die meiste Tiefe haben. Wenn ich die Musik als Ventil dafür nicht hätte, wäre das auch sicher etwas, was nicht gesund wäre. Aber so hilft das sehr, schafft Balance und Harmonie und macht mich sozusagen gesellschaftsfähig.

      the Valley: In den Namen des Albums verwendest du das literarische Genre der “Elegien”, was an sich sehr poetisch ist... Warum hast du gerade diesen Namen gewählt? Geschah es spontan oder hat dich vielleicht etwas an diesen Gedanken gebracht? Mich selbst erinnern die Elegien in erster Linie an Schiller und Goethe...
      Adrian Hates: Wenn man das Wort „Elegien“ übersetzt, sind das ja Klagelieder. Ich fand in erster Instanz die Vorstellung, in kompletter Dunkelheit zu stehen, vielleicht zusätzlich noch mit verschlossenen Augen, und Lieder oder Noten zu singen, die aus dem tiefsten Inneren des Körpers kommen und Ausdruck dessen werden, was man in diesem Moment fühlt, das hatte einfach eine sehr beklemmende Atmosphäre. Einerseits hat das etwas sehr befreiendes, andererseits auch etwas beengendes und beängstigendes. Diese Stimmung fand ich sehr spannend. Mir helfen Arbeitstitel von Alben immer sehr, mich in die Stimmung des Albums hineinzuversetzen. Ich wusste sehr, sehr früh, dass das Album irgendwie „Elegies“ heißen würde, ich wusste nur noch nicht 100%ig, in welcher Wortkonstellation. Ich hatte unglaublich viele Variationen und Arbeitstitel gehabt, aber das war immer wieder der Kern, auf den ich zurückgekommen bin, weil ich einfach wusste, dass da das Gefühl stimmt. Ich richte sowas nicht an klassischen Poeten, Dichtern, Komponisten oder sonst wem aus, das wäre mir dann doch etwas zu einfallslos. Es sind schon Sachen, die einen sehr langen Entstehungsweg haben und aus dem Herzen kommen und sich dann im Bauch richtig anfühlen müssen. Und wenn das der Fall ist, wenn mich der Ausdruck wirklich kickt, ich Adrenalin fühle, wenn ich den Titel lese, dann ist es genau richtig. Das haben wir auch bei jedem einzelnen Songtitel durchgezogen. Ich finde die Songtitel extrem cool. Da haben Gaun:A und ich wieder viel Zeit verbracht, mit Wortspielereien, Wortdrehereien. Da gehen schon einige Stunden und eins bis zwei Flaschen Weißwein bei drauf, wenn man über diese Songtitel diskutiert. Aber es ist immer total spannend, das ist ein sehr kreativer Prozess, der da stattfindet.

      the Valley: Trotz des beschwichtigenden, auf eine ruhige Stimmung einnehmenden Namens des Albums, steckt eine kraftvolle Energie hinter den meisten Songs und darin liegt eine interessante Diskrepanz. Ist deiner Meinung nach die neue CD eine Fortsetzung der vorherigen Geschichten und was unterscheidet sie von ihnen? In welche Richtung seid ihr diesmal gegangen?
      Adrian Hates: Irgendwo ist ja auch jedes Album ein Kapitel meines Lebens, wo ich mich selbst betrachte, wo ich meine Geschichte betrachte und über das schreibe, was mich beschäftigt und was mir in der Welt begegnet. Insofern ist es natürlich immer eine Fortführung einer Geschichte. Aber es ist nicht so, dass wir gewisse Handlungsstränge fortgeführt haben. Es gibt immer Querverweise in die Vergangenheit, musikalisch wie auch textlich, das machen wir mit Absicht. Das macht uns Spaß, kleine Geschichten einzubauen, die in die Vergangenheit führen… zu „Nigredo“ oder „MenschFeind“, zum Beispiel. Ich wollte aber keinen Handlungsstrang bewusst fortführen, mit „Ego:X“ habe ich ein Kapitel beendet und mit „Elegies in Darkness“ wurde ein Neues gestartet. Und ich denke, das wird auch beim nächsten Album auch wieder so aussehen. Wir sind ja schon fleißig in der Produktion des neusten Albums, haben auch schon sehr viele Stücke in der Rohform vorliegen. So wie ich das derzeit beurteilen kann, ist es natürlich in irgendeiner Form wieder eine Fortführung, aber auch wieder ein Neuanfang und eine Neuentdeckung der eigenen Kreativität.

      the Valley: Auf dem neuen Album hört man deutlich die Änderung der Stimmung. Nein, sie ist bei weitem nicht optimistisch geworden, aber immerhin nicht so destruktiv, wie sie im Vergleich zu den ersten Alben ist. Woran liegt das? Wird das nächste Kapitel des Tagebuches mit der Persönlichkeit aus den „Elegien“ im Zusammenhang stehen?
      Adrian Hates: Ich glaube, dass es sich an der Stimmung gar nicht so viel geändert hat, sondern eher an der Art und Weise, wie die Stimmung Ausdruck findet. Wenn ich zurückdenke, mit welchen Mitteln ich damals arbeiten konnte, das war nicht softwarebasiert, sondern alles mit externen Keyboards und Geräten, die wahnsinnig teuer waren, um überhaupt einen Ton auf einem Band einspielen zu können… Das prägt den Klang eines Albums natürlich sehr. Mittlerweile kann man viel filigraner und definierter arbeiten und das ist ein Luxus, der mir sehr gefällt. Das ist natürlich auch immer die Frage der persönlichen Wahrnehmung. Die Stücke damals waren durchweg langsamer und ruhiger, das hat einen riesen Einfluss darauf, wie man Musik wahrnimmt. Die Stücke sind viel tragender gewesen und dadurch wirkten sie noch meditativer. Heute hat man bei vielen Diary-Stücken viel Bombast, viel Kraft und viel Gitarren und Schlagzeug, die einem regelrecht um die Ohren fliegen. Das waren Komponenten, die ich damals gerne eingebracht hätte, das kann man bei Songs wie „End of Flowers“ „Aphelion“ oder „Victimized“ auch fühlen. Das waren Stücke, bei denen ich versucht habe, diese Kraft auf eine ähnliche Weise einzubringen, aber das war mir mit den technischen Möglichkeiten damals nicht möglich. Heute fällt das viel, viel leichter. Damals war ich technisch auch nicht auf dem Wissensniveau gewesen, wie ich es heute bin, das ist ja logisch. Aber das sind so Faktoren, die da eine Rolle spielen, weniger die Stimmung als solches. Ich finde das, wenn man die letzten zwei, drei Alben durchhöre, man sehr viel Tiefe, Düsternis und Schwärze findet. Ob das jetzt mehr oder weniger geworden ist, ist schwer zu sagen.

      the Valley: Warum wurden 3 Songs in die reguläre Version des neuen Albums nicht aufgenommen und als Bonus-Tracks veröffentlicht?
      Adrian Hates: Ich denke, dass die Art, wie wir die Medien gerne trennen, schon eine Historie bei uns hat. Wir wollten die Anzahl der Auflagen stark reduzieren, wenn man das jetzt im Vergleich zu „Ego:X“ sieht, und da sind eben diese zwei unterschiedlichen Versionen herausgekommen. Wir hatten die „einfache“ Version im Auge, die ein gewisses Songkontingent bietet, eine gewisse Grafik, aber auch eine „Deluxe Edition“, eine limitierte Edition, die eben mehr bietet: mehr für das Auge und mehr für die Ohren. Ich finde es durchaus schön, wenn man das so machen kann. Eine rein grafische Aufwertung reißt heutzutage leider keinen mehr vom Hocker und somit lag es nahe, auch den Audiokontent zu erweitern. Wir haben die Songs auch nicht nach A- und B-Ware gesplittet, wir haben darauf geachtet, welche Songs im Fluss am besten funktionieren, also was beim durchhören am meisten Sinn macht. Wir haben sogar noch im Masteringstudio noch zwei Songs getauscht, weil wir gemerkt haben, dass es so besser ist. „a day in December“ ist da in der Position noch geändert wurden. Das sind so die Faktoren, die für uns eine Rolle spielen, und so entscheiden wir auch den Inhalt: was uns nicht zu 100% glücklich macht, erscheint nicht auf der einen und auch nicht auf der anderen Auflage. Ein schönen Beispiel hierfür ist „the Colors of Grey“: das ist damals auf dem Vorgängeralbum nicht erschienen, weil ich damit nicht warm geworden bin, es fehlte noch etwas. Dann haben wir es für das nächste Album nochmal überarbeitet und auf einmal hat es mich überwältigt. Jetzt bin ich sehr glücklich, dass wir es so in der Version veröffentlicht haben, ich wäre traurig gewesen, wenn wir die „halbfertige Version“ veröffentlicht hätten. So gibt es immer wieder ein paar Songs, die mit uns reisen über ein paar Jahre oder Jahrzehnte, wie „Verdict“, zum Beispiel, und erst dann zur Veröffentlichung reif sind.

      the Valley: Deine Einträge auf FB lesend, kann man merken, dass die Wortspielerei eine wichtige Rolle in deinem Leben spielt und dass du sie nicht nur in den Songs verwendest, sondern es für dich eher ein ganz natürliches Geschehen ist. Auf der anderen Seite magst du die Sprachen auch mischen, z.B., wenn du den Namen eines Songs auf einer Sprache schreibst und den Text selbst auf einer anderen. Hat dieses Spiel mit den Sprachen eine besondere Bedeutung für dich? Wie kam es dazu?
      Adrian Hates: Das ist richtig. Sprache ist ein enorm wichtiges Werkzeug. Zum einen, macht es Spaß damit zu arbeiten, zum anderen, ist es auch eine Bereicherung für jeden Song. Ich war nie jemand, der Sprache auf Musik einfach als Nebensächlichkeit gesehen hat, sondern als ganz elementaren Bestandteil eines Songs. Also die Botschaft eines Songs finde ich irrsinnig wichtig, ich bin auch keiner von den Menschen, die das auch im privaten Leben beim Musik Hören komplett vernachlässigen. Und ich finde auch, sich sprachlich vernünftig äußern zu können, das möglichst auch in mehreren Sprachen, ist eine Bereicherung für den Kopf wie auch für das Leben. Ich weiß gar nicht mehr so genau, wann das zu einem Hobby geworden ist. Intern in der Band machen wir das auch sehr viel, wir spielen mit Worten, stellen Sätze auf den Kopf und in unserer internen Kommunikation gibt es auch viele Worte, die es eigentlich gar nicht gibt, von denen wir aber genau wissen, was gemeint ist. Das macht Spaß und ist eine Bereicherung. Ich denke, dass man Sprache nicht nur benutzen sollte, sondern auch leben sollte, um wirklich Freude an der Sprache zu haben.

      the Valley: Gibt es auf dem neuen Album einen Song (oder Songs), der (die) in der Vergangenheit geschrieben wurde(n) und erst jetzt seinen (ihren) Weg zu einem Album gefunden hat (haben)? Z.B., hattest du in einem Interview erzählt, dass sowas den Songs “Verdict” und “the Colors of Grey” passiert ist.
      Adrian Hates: (überlegt) „the Battle“! Das war ein Song, der eigentlich auf „Ego:X“ erscheinen sollte, der mir zu derzeit aber nicht das herübergebracht hat, was ich eigentlich in dem Song haben wollte. Somit haben wir den bei „Ego: X“ erstmal aufs Abstellgleis gestellt, und entschieden, ihn für das neue Album nochmal zu überarbeiten. Das haben wir dann getan und es gab wieder diesen „Aha-Effekt“ und somit hat es der Song dann auf das nächste Album geschafft. Ich finde das spannend, ich mag das gerne und finde es nicht schlimm, wenn man etwas aus der Vergangenheit mitnimmt und gewissermaßen in den neuen Kontext übersetzt. Denn allein die Tatsache, dass er vorher nicht gepasst hat und vorher vielleicht noch nicht vollendet war, sagt irrsinnig viel über aus, dass das Timing einfach nicht richtig war. Dann muss man dem Song noch etwas Zeit zum Reifen geben. Und wenn er dann auf einmal in einem anderen Kontext komplett Sinn macht und sich zu Hause fühlt, dann ist das auch wieder ein spannender Prozess und natürlich auch ein befriedigendes Gefühl, dass man so einen Titel mitnehmen kann und nicht aufgeben muss.

      the Valley: Welche der neuen Songs magst du jetzt am besten und welchen davon magst du auf der Bühne spielen?
      Adrian Hates: Welche Stücke ich auf der Bühne spielen mag, ändert sich natürlich stetig. Das neue Album ist ungewöhnlich, was diesen Kontext angeht, denn wir hätten am liebsten das gesamte Album gespielt. Seltsamerweise finde ich hier jeden Song bühnentauglich, das geht mir normalerweise nicht so. Es gibt Songs... da ist das recht eindeutig „Daemon“, zum Beispiel: der hat eine unglaubliche Bühnenmacht, vielleicht liegt das am Titel und am Text, man weiß es nicht (lacht). Dann sind es natürlich „Malum“, „the Luxury of Insanity“... da sind so viele Titel drauf, die ich auf der Bühne unfassbar stark finde, weil sie eine unglaubliche Gewalt und Kraft bekommen, wenn sie auf der Bühne zu leben beginnen. Deswegen kann ich gerade nur diese wenigen einmal hervorheben, aber im Großen und Ganzen ist das komplette Album für mich bühnenreif. Wir werden das in den kommenden Monaten und Jahren immer wieder etwas abwechselnd gestalten und dafür sorgen, dass jeder Albumsong mal auf der Bühne gewesen ist.

      the Valley: Warum habt ihr diesmal zwei Varianten des Covers verwendet? Was symbolisiert diese junge Frau? Meiner Meinung nach, werden eure Cover mit der Zeit weniger abstrakt. Auf der anderen Seite, geht der Symbolismus somit nicht verloren. Er ändert einfach seine Gestalt. Es gibt nun mehr an Personifizierung, z.B., auf dem „(if)“-Album sieht man nur eine Hand und jetzt, auf dem „Elegies in Darkness“-Album, sehen wir schon das Gesicht einer völlig konkreten Frau. Ist sie eine Protagonistin der Elegien, die in jener „dunklen“ Welt lebt?
      Adrian Hates: Die junge Frau ist für mich eine Metapher für den Titel, verkörpert und verbindet quasi die unterschiedlichen Elemente des Lebens. Zum einen, die beweglichen Lebewesen dieses Planeten, in Verbindung mit der Natur, und das Ganze geprägt von der Kernaussage des Album – also dem Albumtitel.
      Die zwei unterschiedlichen Versionen haben eigentlich zwei Begründungen: zum einen, finde ich es einfach eine coole Sache, dass man unterschiedliche Covers hat und, zum anderen, ist es natürlich die ganz simple Möglichkeit, auf einen Blick identifizieren zu können, um welche Version es sich handelt. Das heutzutage natürlich recht wichtig, wenn man sich im Internet umschaut. Ich persönlich kenne das von mir, dass ich beim Stöbern durch Online-Shops feststelle, dass es mich nervt, wenn ich nicht weiß, um welche Edition es sich handelt. Oftmals sind dann die Beschreibungen so schlecht, dass ich dann da sitze und eigentlich eine schöne Edition kaufen möchte, weiß aber nicht, welche es nun ist. Und wenn ich das, zum Beispiel, durch den Preis nicht festmachen kann, was an sich als Indikator schon ganz schön haarsträubend wäre, dann ärgert mich das. So habe ich mir das, wie auch schon bei „Ego:X“, gewagt und, ich fand, das war eigentlich ein sehr gutes Experiment, das wollen wir wahrscheinlich fortführen, also, dass die Versionen sich grafisch unterscheiden. In der eigenen Diskografie sieht man das dann auch sehr schön: ach, das war die limitierte Edition und das die andere Version. Das finde ich super.
      Dass sich die Cover generell ändern, ist natürlich klar, wenn man so viele CDs veröffentlicht und so viele Cover zu machen hat, würde es mir nicht mehr genügen, irgendwelche Makroaufnahmen von irgendwelchen Dingen zu nehmen. Wir haben Stacheldraht, eine Rose, einen Schwan, Eis mit Stacheldraht und Orchideen gehabt... wir haben verschiedenste Dinge in Nahaufnahmen gehabt. Diese Linie ist für mich mit „One of 18 Angels“ gebrochen wurden. Für mich war das auch allgemein ein Wendepunkt, auch was den Erfolg und die Musik angeht. Aber die Cover zu ändern, ist für mich auch etwas, das wichtig ist, um nicht in einem engen Korsett zu arbeiten. Wir haben schon den schwarzen Balken oben und unten, den haben wir von Tag eins an durchgezogen, den ich einerseits liebe, andererseits hasse, da es wahnsinnig schwierig ist, Bilder zu finden, die mit diesen Balken wirken. Aber wenn sie dann wirken, dann tun sie es richtig gut und dann liebe ich diese Balken. Aber, ich glaube, ich möchte nicht ein noch engeres Korsett anhaben, das mich in Regeln und in die Erwartungshaltung verstickt, einfach Nahaufnahmen zu machen. Natürlich hätte ich sämtliche Flora, Fauna und Habitat fotografieren können, und das als Cover bis zum Jüngsten Tag benutzen können, aber das wäre mir dann irgendwann zu langweilig geworden. „Das gelbe, das rote und das blaue Album“ waren dann so Betitelungen von Fans, die am Anfang auch ganz cool waren, aber irgendwann sagt man dann “das hellgelbe mit orange“ oder das „dunkelgrüne mit blau“ oder “das rosa-rote Album“, dann wird es auch langsam lächerlich. Ich finde, es ist einfach eine Bereicherung, sich da grafisch austoben zu können und das in einen direkten Kontext mit der Musik bringen zu können. Uns erfüllt das so und wir machen die Covers so, dass sie für unser Empfinden eine schöne Linie mit der Musik und den Texten bilden.

      the Valley: Die Rose, die die junge Frau in ihrem Mund hält, lässt mich nicht in Ruhe. Für mich gibt es hier einen festen Zusammenhang mit “End of Flowers” – mit jener Rose, die, wenn auch nicht komplett verwelkt, doch ihre Farbe geändert hat. Was symbolisiert diese Rose?
      Adrian Hates: Zum einen, ist es schön, dass diese Verbindung gesehen wird. Die Rose als Symbol für eine gewisse Stimmung und für eine gewisse Form von Leben und Erwachen, spricht eigentlich für sich. Dass sie aus dem Mund wächst, dass quasi aus einem Menschen heraus Natur entsteht – das sagt eigentlich auch genug aus, so sehr entmystifizieren möchte ich das wirklich nicht, aber ich denke, dass man da eine Symbolik finden kann und eine Bedeutung und Symbiose zu und mit „End of Flowers“ finden kann.

      the Valley: Wo und wie hat die Fotosession für das neue Album stattgefunden? Ist das Angelique auf dem Cover?
      Adrian Hates: Ja, da ist Angelique auf dem Cover. Wir haben ziemlich viele Fotoshootings gemacht: eines in England, zwei mit Silke Jochum, dann noch eins beim Videodreh… und ich glaube noch 1-2 mehr. Da sind echt eine ganze Menge Fotos entstanden. Ich habe dann aus jedem Shooting das herausgesucht, das am besten passte. Dann haben wir die Fotos von Silke noch weiter verarbeitet mit Ingo Römling. So haben dann die Bilder ihren Weg ins finale Artwork gefunden. Es war ein sehr langer Prozess und es hat sehr viele Fotos gebraucht, aber das finde ich allgemein immer sehr schwierig.

      the Valley: Die junge Frau auf dem Cover scheint eine offensichtliche Fortsetzung des „Nigredo“-Themas zu sein. Wie hat sich die Krankheit entwickelt? Besteht sie innerlich auch aus der Dunkelheit?
      Adrian Hates: Das könnte man natürlich auch in den Texten suchen und finden. Auch hier ist der Querverweis auf „Nigredo“ durchaus richtig: die Schwärzung offensichtlich im Titel und dann auch noch im Bild... (überlegt). Ich weiß gar nicht, ob ich dazu noch mehr sagen will.

      the Valley: Wie heißt sie? Luresia, Thalamea, Narthesia oder hat sie einen anderen Namen?
      Adrian Hates: Sehr schöne Frage. Der- oder diejenige, die diese Frage gestellt hat, darf sich gerne einen aussuchen, den sie oder er passend findet. Ich denke es ist relativ einfach einen Namen auf der Mythologie zu finden, der dazu Sinn macht.

      the Valley: Viele haben gemerkt, dass das Cover von In Strict Confidence eurem stilistisch sehr ähnlich ist. Wurde es so mit Absicht gemacht oder ist es ein Zufall, da der Künstler derselbe ist (Ingo "monozelle" Römling)?
      Adrian Hates: Mir fällt es da schwer, eine große Ähnlichkeit zu finden. Es gibt zwei Parallelen: zum einen, sind die Hände schwarz und die Art und Weise, dass die Äste des Baumes spitz verlaufen. Ich kann selber keine weitere Parallele finden, ich bin darauf hingewiesen wurden, als wir das Cover veröffentlicht haben. Ich kenne die Arbeit von ISC natürlich sehr gut, wir sind befreundet, aber obwohl ich das Album kannte, habe ich diese Parallele nicht gesehen.
      Handschrift ist Handschrift, und dass jemand, der nach unserem Auftrag, unserer Beschreibung nach gewisse Ähnlichkeiten verursacht, finde ich weder schlimm noch besonders auffallend. Ich persönlich würde das nicht zu sehr überinterpretieren, das sind für mich Kleinigkeiten, in der Grundaussagen haben die nicht wirklich etwas miteinander zu tun.

      the Valley: Diesmal wurden die Fans mit vielen Sachen überrascht, die das Erscheinen des neuen Albums begleitet haben. Es gab Songssnippets auf Soundcloud (sogar aus der Deluxe-Edition), es gab legale MP3-Downloads, Fototeaser, 2 neue Videos! Wolltet ihr, dass wir uns an dieses Release als an etwas ganz besonderes erinnern?
      Adrian Hates: Solche Hilfsmittel können natürlich dazu beitragen, die Bedürfnisse von Fans in Form von Vorfreude und Begierde zu stillen, zum anderen, betrachte ich das auch als eine Art von Kommunikation mit den Leuten, die uns unterstützen, und ich denke, dass das Zeitalter nun mal so ist, dass man auf diese Art auch mit seinen Fans kommunizieren muss. Das „muss“ ist auch nicht im Sinne einer Verpflichtung gemeint, heutzutage funktioniert Musik so. Manchmal finde ich das natürlich erschreckend, da ich das Gefühl habe, dass es darauf reduziert ist, und der Tonträger und die Musik als solches fast in den Hintergrund rücken. Ich muss gerade so viele hässliche englische Wörter benutzen, aber dieses Teasern weckt einfach Vorfreude und stimmt die Fans darauf ein, was sie da erwartet. So kann man den Prozess auch gemeinsam erleben und sich gemeinsam darauf freuen. Je mehr man über das kommende Album weiß, desto mehr fiebert man mit. Und diesen spannenden Prozess kann man überall auf der Welt miterleben, nur durch die Verknüpfung dieses Mediums. Wir werden das in Zukunft auch weiter so machen, da habe ich gar keine Zweifel. Das ist auch eine zeitgemäße Art und Weise, zu werben und auf sich aufmerksam zu machen. Ich glaube, die Zeit der Printmedien ist schon vorbei, zumindest für Musik und Musikjournalismus. Anzeigen sind da oftmals weniger gut investiertes Geld. Da mache ich lieber einen schönen Videoclip, teile den und hoffe, dass das dann einen ähnlichen oder besseren Effekt hat, als eine Anzeige in einem x-beliebigen Musikmagazin.

      the Valley: Was hat euch inspiriert, als ihr an der Gestaltung des Albums gearbeitet habt? Was für eine Geschichte wollt ihr uns in den Fotografien aus dem Booklet erzählen?
      Adrian Hates: Zum einen, wenn man will, eine gewisse Metamorphose, zum anderen, durch die oftmals vorhandene Darstellung von Haut auch Menschlichkeit und durch die Nähe eine Art Verweis, dass man näher hingucken soll, dass man Dinge vielleicht näher betrachten muss, um sie beurteilen zu können. Dann sollte das gesamte natürlich wieder dem Albumtitel gerecht werden. Die Stimmung, die ich fühle, wenn ich die Augen zumache, die wollte ich in den Bildern wiederfinden – die Darstellung eines menschlichen Wesens in Dunkelheit.

      the Valley: Was bedeuten die Zahlen 4714 auf einer der Seiten in dem Booklet?
      Adrian Hates: Gerne mache ich Dinge, die nicht offensichtlich sind und die Fragen aufwerfen und die Leute beschäftigen. Ich versehe Booklets, Video und Co gerne mit sowas. Aber die Tatsache, dass ich sowas mache und den Sinn nicht erkläre, impliziert zwangsläufig, dass ich den Sinn nicht sagen will. Also entweder man kommt drauf, oder man kommt nicht drauf. Mitteilen werde ich die Bedeutung öffentlich natürlich nicht. Das wäre ja langweilig… Wenn man die Zahlen auf eine bestimmte Weise liest, haben sie ein eindeutiges Ergebnis, wenn man sie anders liest, dann haben sie ein anderes Ergebnis.

      the Valley: Worin besteht der Symbolismus des letzten Bildes (ein Nest aus Zweigen) in dem Video „a day in December“? [1]
      Adrian Hates: Ja, ich denke, dass das für sich spricht. Ein Nest hat eine ganz klare Funktion. Man muss den Verlauf beider Videoclips als Ganzes sehen, dann erschließt sich der Sinn recht deutlich. Ein Nest - der Ort der Geburt, der Ort des Behütet-seins, des Aufwachsens und des Entdeckens der Welt. Das im Kontext mit den Videoclips sollte dann auch reichen.

      
 
      Philosophisches

      
      the Valley: Wie siehst du die Welt heutzutage? Was hältst du von der heutigen Menschheit und von ihrer Entwicklung in der Zukunft?
      Adrian Hates: Wow, das ist ja eher ein abendfüllendes Thema. Ich versuche mich kurz zu halten...
      Ich glaube, das ist abhängig davon, welche perspektivische Ausrichtung man ansetzt. Zum einen, gibt’s das persönliche und private Umfeld: da gefällt mir die Welt sehr gut. Global betrachtet und menschlich gesehen, ist es definitiv ein Zeitalter, in dem man sehr traurig bis wütend werden kann, aber vor allem von Unverständnis geprägt wird. Bei den politischen Entwicklungen, die in vielen Ländern da so über die Bühne gehen, fällt es mir einfach irrsinnig schwer zu verstehen, was da genau vor sich geht. Zumal man dann auch den allgemeinen Medien gegenüber ja nur skeptisch und misstrauisch sein kann, was die Möglichkeit für sich selbst eine wahrhaftige Meinung zu finden, enorm erschwert. Gerade wenn es darum geht, ein Land für ein Gebaren nicht wertschätzen zu können oder tatsächlich zu verurteilen, dafür fehlen uns einfach die richtigen Informationen. Dann gibt es natürlich noch meine Musikwelt, die ist in das positive und das nicht so positive Lager gespalten, das hatten wir ja schon erörtert.
      Ich glaube, so kann man das kurz und knapp zusammenfassen, ohne dass man dann in eine ganz ausführliche philosophische Grundsatzdebatte verfällt. Aber global gesehen, fällt es schwer optimistisch zu sein.

      the Valley: Glaubst du, dass du ein Fanatiker von einem oder dem anderen Glauben, von einer oder der anderen Weltanschauung sein können hättest? Weißt du... einer von denen, die das ganze Land im Mittelalter zum Scheiterhaufen ad majorem Dei gloriam hätten verurteilen können? Letztendlich kann jeder seine wichtigen Themen solcher Art haben. Oder ist es für dich grundsätzlich unmöglich? Und wie steht es mit dem Gegenteil? Ich meine, wenn die Treue der Idee sich nicht nach außen richtet (wie im Beispiel mit den Inquisitoren oder Missionaren oder den anderen Menschen, die versucht haben, die Welt um sich herum geändert zu haben), sondern nach innen (wie, z.B., Einsiedlerleben oder das Leben im Kloster, usw)? Oder wurde die Musik für dich sowas ähnliches? Oder betrifft dich alles überhaupt nicht?
      Adrian Hates: Ich glaube vor allem, das es irrsinnig schwer ist, sich in unterschiedliche Lagen oder Rollen zu versetzen. Das reicht schon, in einem anderen Land geboren worden zu sein und nicht wirklich einschätzen zu können, wie man sich entwickelt hätte. Geschweige denn, in eine andere Zeit versetzt zu sein. Dann mit Gewissheit sagen zu können „ich hätte mich genauso entwickelt wie jetzt“, ist wahrscheinlich schon recht naiv zu behaupten. Ich bin ja auch in einer irgendwie religiös geprägten Welt aufgewachsen und habe mich so entwickelt, wie ich mich eben entwickelt habe. Im Moment kann ich sagen: religiöser Fanatismus ist für mich unvorstellbar. Das ist mein persönlicher Glaube, den möchte ich auch niemanden aufdrängen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Gott, wenn es ihn nun gibt oder gäbe, von den Menschen erwarten würde, dass sie sich selbst aufgeben, um ihn „zu dienen“, es fällt mir schwer, mir das in meinem Weltverständnis logisch zu erklären, vielleicht hätte ich ein anderes Weltverständnis, wenn ich anders aufgewachsen wäre, insofern sind das alles sehr hypothetische Fragen. Ich spreche dann immer gerne vom Paralleluniversum: wenn man sich als Person in zwei Universen gleichzeitig entwickeln könnte, dann hätte man einen A-B-Vergleich. Aber das ist reine Illusion und von daher nicht sinnvoll, darüber zu spekulieren. Ich finde Religion immer dann sinnvoll, wenn sie hilft, wenn sie Positives bewirkt. Wenn es aber nur zu Leid und Elend führt, dann kann ich mir persönlich nicht erklären, was der Zweck daran ist. Ich glaube auch, dass es im Endeffekt immer darauf ankommt, dass man sein eigenes Leben und das der anderen bereichert. Wenn man unter dieser Maßgabe vieles betrachtet, fällt es einem leichter, die eigenen Handlungen und die der anderen zu hinterfragen.

      the Valley: In vielen Interviews betonst du, dass du eine Zuneigung für die Melancholie hast, sie hat aber nichts mit der Depression zu tun. Und dass die Depression eine Krankheit sei, die man behandeln lassen soll. Ist deiner Meinung nach die Grenze zwischen diesen zwei Zuständen groß? Und ist es nicht zu leicht, aus einer Melancholie in eine echte Depression zu rutschen? Weißt du, das ist wie an einem dunklen Zimmer vorbeizukommen, um sich in der Stille und der Dunkelheit zu erholen, aber dabei zufällig zu vergessen, wo sich die Tür befindet und deswegen keine Möglichkeit mehr zu haben, das dunkle Zimmer zu verlassen. Oder unterscheiden sich diese zwei Zustände sehr und man kann sie nicht verwechseln? Was denkst du darüber?
      Adrian Hates: Ich glaube, das es gar nicht möglich ist, von einer Melancholie in eine Depression zu rutschen, weil das Eine eine Krankheit ist und das Andere eine Gemütslage. Es ist ja nicht so, dass ich in einer Melancholie hängen bleiben kann oder den ganzen Tag mit herunterhängendem Kopf durch die Welt laufe. Es ist ein Zustand, der sehr konstruktiv und produktiv ist, und das steht ja schon im kompletten Gegensatz zu einer Depression. Eine Depression ist grundsätzlich kein produktiver Zustand. Insofern glaube ich einfach, dass diese beiden Zustände nicht wirklich viel miteinander zu tun haben, außer dass sie eine gewisse Schwere haben. Also, ich bin fern von jeder Depressionsgefahr. Diese tiefe schwarze Melancholie, die ich da in mir habe, die habe ich seit Kindertagen in mir. Da kann ich mich an ganz bestimmte Situationen und Gespräche aus frühster Kindheit erinnern, wo das für Irritation sorgte. Aber es war nie etwas, wo ich Gefahr gelaufen wäre, darin hängen zu bleiben oder nicht mehr heraus zu kommen. Es ist nur etwas, was mitunter eine Bürde und eine Last ist, weil man in dieser Melancholie Dinge anders wahrnimmt als im Normalzustand.

      the Valley: Es gibt eine Meinung, dass man nie besser (dieser Begriff bedeutet für jeden Menschen etwas anderes, z.B.: „talentierter“, „empfindlicher“, vielleicht sogar „schlauer“) als in den schwierigsten Zeiten seines Lebens sein wird. Und dass alles Gute, was man in seinem Leben schaffen kann, in genau dieser Zeit passiert, und man keine Möglichkeit hat, all das irgendwann zu wiederholen. Dabei – was ist seltsam genug – kann der Fall objektiv ganz anders gelagert sein, aber einem wird es von innen aus auf beschriebener Art und Weise erschienen. Man sagt, es passiert so, weil man in den schlechten für sich Zeiten an der Grenze seiner Kräfte arbeitet, und deshalb scheint es einem, dass man auf Hochtouren gearbeitet hat. Aber dasselbe oder sogar viel mehr, was man in den nicht so angestrengten Zeiten macht, scheint einem nicht groß genug. Entschuldigung für einen langen Vorspruch... Die Frage ist: was denkst du darüber? Wie ist deine Meinung? Und warum?
      Adrian Hates: Da ist etwas dran. Ich glaube, dass in widrigen Umständen so eine Art Kampfgeist entsteht, der ein enormer Ansporn sein kann, der Dinge möglich macht, die unter normalen Umständen nicht möglich wären. Als Bespiel: Gaun:A und ich haben bei der letzten Produktion tagelang durchgearbeitet, teilweise ohne Schlaf. Wenn man da regelrecht ein Kampf gegen den Schlaf zelebriert, dann kann das etwas Unglaubliches sein. Es gab dann echt Zeiten, da hat Gaun:A sich hinten im Studio, wo ich gerade sitze, auf das Sofa gelegt und - „zack!“ - weg war er. Dann hat er eine Stunde geschlafen und dann saß er wieder neben mir am Tisch und hat weitergearbeitet, dann sacke ich mal kurz weg und er macht weiter. (lacht)
      Wenn man so viel Fieber und Motivation in sich hat, kann das Welten bewegen. Und die widrigen Umstände können ja auch persönlicher Natur sein, dass die Umstände gerade sehr schlecht sind, eine sehr schwere Lage im Leben. Bei mir war das beispielsweise „(if)“. Oder bei „Freak Perfume“, wo mir 6 oder 8 Wochen vor Veröffentlichungstermin die Festplatten abgeraucht sind, alle Daten, alle Songs weg. Das war ein Verzweiflungsgrad, der war schon exorbitant hoch, aber aus dieser Verzweiflung mit einem positiven Willen und Kampfgeist herauszukommen, ist wieder das komplette Gegenteil zu Depressivität. Und wir haben es hingekriegt: Mittwoch war die CD aus dem Presswerk da und am Freitag war Veröffentlichungstermin. Ich finde, die Arbeit an der Rekonstruktion hat sich sehr gelohnt, denn ich bin nach wie vor mit diesem Album sehr zufrieden.

      the Valley: In dem Song “You(-das)” aus dem Album “Psychoma?” hört man die Phrase „Knowledge never saves from mistakes“, die wohl von vielen beliebt und zitiert wird. Hättest du diese Phrase auch jetzt als die richtige wiederholt? Deiner Meinung nach, was sind die wahre Gründe für die Fehler, die du und/oder die anderen im Leben machst/machen? Eine Unkenntnis, ein Starrsinn, eine irrtümliche Bestrebung, etwas genauso zu machen, “wie es einem besser gefällt” (was man, übrigens, auch der Unkenntnis zurechnen kann)?
      Adrian Hates: Wenn ich diese Phrase rezitiert hätte, hätte ich das angegeben, aber es gibt ja viele Redewendungen, die in diese Richtung gehen. Aber die Erkenntnis, dass man sich vor Fehlern mit nichts schützen kann und... auch nicht sollte, ist nichts Neues. Es kann sein, dass es jemand anderes genauso in seinem Leben gesagt hat, aber es war jetzt keine wissentliche Rezitierung.

      the Valley: Gibt es etwas, was du in deinem Leben noch nie gemacht hast, aber was du gerne ausprobieren würdest?
      Adrian Hates: Das ist eine Endlosliste, das kann man auf verschiedenste Bereiche projizieren. Zum Beispiel, was Reisen angeht: der asiatische Bereich ist unberührt und das ärgert mich schwarz. Da möchte ich unbedingt hin und die Länder bereisen und auch mit der Musik entdecken, aber einfach wollen reicht nicht. Da steckt viel dahinter, um dort als Musiker einen Fuß auf den Boden zu bekommen, aber privat werde ich das sicher in absehbarer Zeit machen.
      Ich wünsche mir auch ausführlich lange Zeit in Island verbringen zu können und das möglichst naturoptimiert, zu Fuß, zum Beispiel. Das fände ich toll. Am besten auch mit meinen Hunden. Ich würde auch wahnsinnig gerne Motorrad fahren, bin mir aber der Risiken bewusst, die das Motorradfahren mit sich bringt und die einfach exorbitant hoch sind, und habe deswegen Scheu davor, was auch wieder sehr stark zeigt, dass ich ferner von einem Suizidgedanken gar nicht sein könnte.
      Es gibt viele Dinge, die ich mir im Leben noch wünsche, die ich noch als Ziele vor Augen habe. Ich glaube, das ist auch sehr wichtig, da ich denke, dass ein Mensch mit seinen Wünschen steht und fällt. Das bietet Ansporn, und träumen zu können, ist in jederlei Hinsicht eine Bereicherung, solange man es nicht verbissen umsetzen möchte.

      
 
       Kulturfragen

      
       the Valley: Die Frage, die man dir schon mehrmals gestellt hat, die aber nie altmodisch wird. Die derzeitige Kultur (sagen wir mal, die letzten 10 Jahre), nicht nur die Musik – was hältst du davon? Und über die Kultur im Ganzen: welche Vorliebe hast du in der Kunst – in der Musik, Literatur, im Kino, vielleicht in der Mode?
      Adrian Hates: Das ist ein Riesensegment, das man jetzt aufsplitten müsste in seine ganzen Formen und in seine ganzen Gesichter, wo man dann über jedes Gesicht einzeln sprechen müsste. Ich glaube, dass die Menschen wieder ein bisschen mehr Motivation gebrauchen könnten, sich kreativ zu entwickeln und sich kreativ auszulassen. In einigen Segmenten funktioniert das schon sehr gut und die Musik ist da, glaube ich, derzeit der fruchtbarste Teil, das kann aber auch einfach nur eine Wahrnehmung von mir sein, weil ich mich eben in diesem Segment bewege. Es gibt so viele tolle Künstler auf der ganzen Welt. Ich guck auch wahnsinnig gerne Dokumentarfilme über Auslandsreisen, da sieht man auch oft Leute, die malen oder Musik machen und sich auf verschiedenste Art und Weise künstlerisch darstellen. Ich glaube, dass schwierige Zeiten große Kunst hervorbringen können. Wenngleich die westliche Zivilisation nicht so arg gebeutelt ist wie andere Regionen, so spürt man doch global eine starke Anspannung und das schon seit einiger Zeit. Vielleicht ist dieser Ansporn, sich daraus kulturell darzustellen, etwas, das auch wieder eine Kettenreaktion auslöst und etwas Positives als Echo zurückwirft, weil man als Künstler dadurch gezwungen ist, sich mit den Problemen anders auseinanderzusetzen. Eigentlich kann das nur eine Bereicherung sein. Kunst ist generell immer etwas Positives, finde ich, wenngleich mir persönlich nicht jede Art von Kunst gefällt.
      Bei den Vorlieben könnte man wahrscheinlich alle 10 Jahre eine andere Antwort von mir bekommen. Musikalisch versuche ich immer, meine Fühler auszustrecken und Neues zu entdecken. Das passiert auch innerhalb der Band immer wieder, dass man sich Namen zuwirft, mal reinhört und seinen eigenen Horizont bereichert. Musik zu hören heißt auch, sich selbst zu schulen, das eigene Gehör weiterzuentwickeln und zu lernen, wie andere Leute Musik hören, sehen und umsetzen. Das kann nur einen positiven Effekt haben. Ich kaufe mir auch oft CDs, wo weniger das Gefallen ein Faktor spielt, sondern eher, dass ich die ausführlich studieren wollte und hören wollte, wie die das umgesetzt haben, was ihnen vor Augen schwebte. Natürlich gibt es dann auch Bands, die ich sehr gerne höre und sehr intensiv verfolge.
      Für die Kunst versuche ich, so gut es geht, immer mal Museen zu besuchen, aber das ist oft so, wenn man in einem Segment selber tätig ist, kommen die anderen einfach zu kurz, aber ein paar Mal im Jahr gehe ich schon ins Museum.
      Kino ist praktisch null, weil ich die Akkumulation von Popcorn und Chips fressenden, Cola trinkenden Massen im Kino nicht ertrage, dann am besten noch telefonierend, simsend und Handy benutzend. Das ist nicht meine Welt. Wenn ich einen Film schaue, muss ich komplett in den Film eintauchen, und dafür brauche ich es so still und so isoliert wie möglich. Das kann ich am besten zu Hause. Ich habe eine ganz anständige Heimanlage und eine ganz angenehme Größe an Bildschirm, und da setz' ich mich dann gezielt hin und gucke den Film, den ich sehen will. Das Geld, das ich nicht im Kino ausgebe, gebe ich dreifach für meine DVD und Blue-Ray Sammlung aus. Ich bin auch der Prototyp des Filmkäufers, ich würde mir nie einen Film runterladen, auch nicht legal.
      Literatur ist leider auch so ein Ding, das viel zu kurz kommt, ich habe früher Phasen gehabt, da habe ich sehr viel gelesen. Dann wieder Phasen, wo ich gar nicht gelesen habe, und während einer Albumproduktion gibt es nur die Phasen an oder aus, heißt: entweder bin ich an und arbeite oder ich bin aus und schlafe. Insofern sind die Sachen, die ich lese, eher etwas worüber sich andere Leute kaputt lachen: ich lese mit größter Liebe Hundebücher. Ich weiß, das klingt abstrus. Zum Beispiel, Hundegattungen, ich habe komplette Enzyklopädien über Hunderassen. Wenn ich auf der Straße einen Hund sehe, den ich nicht kenne, frage ich entweder nach oder ich suche in meinen Büchern. Das finde ich einfach spannend, ist ein Hobby. Auch über Erziehung und Verhaltensmuster lese ich da viel. Ansonsten habe ich meine schönen alten Gedichtbände, die ich immer wieder gerne in die Hand nehme. Ich habe unvorstellbare Massen an Büchern. Aber ich habe ja hoffentlich noch ein paar Jahre vor mir, und ich hoffe, dass ich noch ein paar Jahre der Ruhe habe, wo ich in aller Ausführlichkeit alles lesen kann, wofür ich bisher noch keine Zeit hatte.
      Und es ist ganz lustig, dass die Frage zur Mode kommt, da ich in den letzten Jahren schon mehr Wert auf Kleidung gelegt habe, als ich das früher mal getan habe, gerade im privaten Bereich. Mein Hauptfokus galt bisher immer der Musik und ich war nicht bereit, überhaupt nennenswert Geld für Kleidung auszugeben. Das gilt nicht für die Bühnenkleidung, eher für die private Kleidung. Das ist mittlerweile doch etwas anders. Kleider machen Leute.

      the Valley: In letzter Zeit wurden amüsante literarische Sachen veröffentlicht, so genannte „aufs Neue erzählte Märchen“: man nimmt bekannte klassischen Geschichten und stellt sie auf eine Art dar, dass das Böse eigentlich nicht mehr so böse ist und dass das Gute nicht so tadellos zu sein scheint. Z.B., das macht Neil Gaiman oft, wie in seiner Version von „Schneewittchen“, wo die Königin-Stiefmutter eine weise Herrscherin ist, das Schneewittchen ein Vampir, der seinen Vater ermordet hat, und der Prinz ist ein Nekrophiler. Was hältst du von solchen Werken, wenn man “traditionellen Werte” und klassischen Geschichten mit einer bestimmten Moral uminterpretiert, diese Moral dabei manchmal verkehrt darstellt?
      Adrian Hates: Da ich gerade meine ersten Kontakt zu solch einer Art Werk habe, wäre es etwas forsch, darüber gleich zu urteilen, denn hier habe ich ja gerade gelegentlich die Zusammenfassung gehört. Würde ich mir mal angucken und dann eine Meinung darüber äußern. Jetzt wäre das vielleicht nicht schlau, mich dazu zu äußern.

      the Valley: Was hältst du vom Hip-Hop-Stil im ganzen und von der Verwendung seiner verschiedenen Elemente in den anderen Musikgenres im Einzelnen?
      Adrian Hates: Eine gesamte Musikgattung über einen Kamm zu scheren, ist etwas, das ich gar nicht machen würde. Ich habe selbst einige Platten aus dem Segment im Schrank, weil ich auch da finde, dass es extreme Unterschiede gibt, und in einigen Subarten die Musik gar nicht soweit weg ist von dem, was wir machen. Trip-Hop gehört, zum Beispiel, dazu… oder wenn man Bands wie Massive Attack nimmt, die, obwohl sie fast nur Sprechgesang haben, unglaublich tiefe, melancholische und wahnsinnig tolle Bands sind. Selbst wenn man Trip-Hop jetzt ausklammert, habe ich aus dem ganz regulären aber düsteren Hip-Hop Segment Sachen, die mich faszinieren. Ich glaube, dieser allgemeine Hip-Hop Lebensstil, die Art sich zu benehmen, sich zu präsentieren, ist aufgrund seiner Extrovertiertheit in einem sehr straken Widerspruch zu dem, wie sich die düstere alternative Szene wahrnimmt, und das deshalb da so ein starker Konflikt ist. Ich versuche mich erstmal, wenn ich Musik höre, vom Lifestyle loszusagen und wirklich nur die Musik als solches zu betrachten. Ich will auch nicht wissen, wie die Menschen persönlich sind, ob ich die nett finde oder nicht, das spielt für mich gar keine Rolle. Ich will die Musik mögen. Was ich dann allerdings schon wissen wollen würde, ist, ob die Musik politisch korrekt ist, das hört man aber oft auch aus den Texten heraus. Wenn ich jetzt wissen würde, dass da etwas rassistisch ist, dann würde ich da keinerlei Kontakt zu haben wollen.

      
 
 
        Klassische Musik

      
      the Valley: In der Musik, besonders in der klassischen Musik, geschieht es oft, dass die Komponisten eine Art Dialog oder Polemik miteinander in ihren Werken führen, die Werke der anderen Komponisten dabei zitieren und transformieren. So wendet sich Beethoven z.B. oft an Haydn und Bach. Und für das 20. Konzert von Mozart hat er sogar 2 Kadenzen geschrieben. Beethoven selbst wird auch oft zitiert. Das betrifft insbesondere seine Mondscheinsonate. Schostakowitsch hat, z.B., eine Sonate für eine Bratsche kurz vor seinem Tod vollendet, in deren 3.Teil sich das Hauptthema der 14. Sonate Beethovens in einem geänderten Rhythmus befindet. Man glaubt, es ist eine Widmung eines Komponisten dem anderen, der auch an der schweren Krankheit gelitten hat. In dem Song „Pentaphobia“ zitierst du die Mondscheinsonate. Hast du das gemacht, nur um die im Text gesteckte Idee zu verstärken? Oder ist es für dich etwas viel Wichtigeres und du führst in der Tat ein gewisses Gespräch mit Beethoven?
      Adrian Hates: Das würde ich mir nicht anmaßen. Das wäre zu hochtrabend, weil ich mich persönlich nicht einmal in einem Satz mit Beethoven nennen wollen würde. Einfach schon, weil zwischen der musikalischen Genialität her Welten liegen, bei Beethoven, Bach, Mozart, wem auch immer. Die Harmoniefolge, das Thema von „Pentaphobia“ ist eines der naheliegensten Themen überhaupt, wenn man sich mal an ein Klavier setzt. Die Mondscheinsonate ist von ihrer Anfangskonfiguration sehr eindringlich, sehr tief und stark, aber sehr einfach. Ich weiß gerade nicht, wie ich das Thema auf den Punkt bringen soll, denn das klingt jetzt so, als würde ich sagen wollen, dass die Mondscheinsonate einfach ist, und das ist aber überhaupt nicht der Fall, sondern einfach, dass ich dir dutzende Stücke nennen kann, die das Thema im Grunde auch in sich tragen, ohne auf die Mondscheinsonate anspielen zu wollen. Es ist einfach ein sehr naheliegendes Thema und es ist auch wunderschön. Schwer zu erklären, aber es ist weder eine Kommunikation mit dem Komponisten, noch eine Huldigung der Mondscheinsonate. Es ist einfach nur eine Adaption der Tonart auf meine Art und Weise.

      
 
      Adrian und Träume

      
      the Valley: Die Mythologie von “Nigredo” lässt keinen Platz für einen Zweifel, dass du mit den Theorien von Carl Gustav Jung vertraut bist (und Herr Jung hat den Träumen viel Aufmerksamkeit gewidmet). Habe ich Recht? Wenn ja, kannst du bitte davon erzählen?
      Adrian Hates: Ich wüsste, ehrlich gesagt, nicht, inwiefern der Rückschluss Sinn macht. Also, „Nigredo“ ist etwas, was wir aus uralten Büchern gezogen haben, mit ganz viel Fiktion und Teilen des reellen Lebens, einfach drei verschiedene Ebenen zusammengepackt. Sie sind keinesfalls an irgendeiner Literatur ausgerichtet, irgendeiner Philosophie oder einer Denkweise irgendeines Historikers oder Philosophen.

      the Valley: In Interviews (mindestens bis vor kurzem) hat man dich immer über das Träumen gefragt. Nun möchte ich dich auch darüber fragen. Bedeuten die Träume immer noch viel für dich? Oder nehmen sie jetzt einen anderen Platz in deinem Leben ein? Schreibst du sie immer noch auf? Was bevorzugst du: sie in den Traditionen der Jungschen Psychoanalyse zu interpretieren oder einfach als eine Quelle der Inspiration zu verwenden?
      Adrian Hates: Ja, ich schreibe sie sehr wohl auf. Wir hatten ja gerade das Beispiel mit „the valley“. Es gibt auch Sachen, wo ich morgens aufwache und die Stimmung mitnehme und die dann schnell am Klavier oder als Worte festhalte. Somit kann ich die Stimmung auch oft zurückrufen, nicht immer, aber manchmal passiert das, dass ich mich in diesen Traum gedanklich zurückversetzen kann. Als ich die ersten Alben geschrieben habe, hatte ich Unmengen an Schriftmaterial von den vielen Jahren davor, wo ich immer nur geschrieben habe. Ich hatte einen unglaublichen Fundus an Traummaterial, den ich dann in den ersten Alben verarbeiten konnte. Aber so viel schräges Zeug träume ich dann doch nicht, dass ich jedes Album mit meinen Träumen füllen könnte, aber es gibt immer Dinge, die ich in meinen Träumen erlebe, die ein Zuhause in der Musik finden. Das wird auch hoffentlich nie enden – das glaube ich auch nicht.
      Ich bin jemand, der mit Traumdeutung sehr skeptisch umgeht, weil ich denke, dass man einen Traum nur dann deuten kann, wenn man, erstens, über eine psychologische Ausbildung und einen gewissen Erfahrungshorizont verfügt und, zum zweiten, auch die Person, dessen Traum man interpretieren soll, in- und auswendig kennt. Einfaches Beispiel: wenn man bei mir einen reißenden Fluss interpretieren müsste, dann würde das ein Traumdeuter garantiert anders interpretieren als es sein müsste, denn ich hab den Fluss vor meiner Haustür. Er würde darin eine Symbolik sehen, ich sehe ihn, weil ich ihn vor meinen Augen habe. Auch die Farbe Schwarz, zum Beispiel, - ich meine nicht die Charakterfarbe Schwarz, sondern einfach die Farbe, - ist bei mir 95% meiner Kleidung. Das ist bei mir omnipräsent, aber in der klassischen Traumdeutung hat die Farbe wieder eine komplett andere Bedeutung, und würde deswegen in meinem Kontext komplett fehlinterpretiert werden. Von daher denke ich, dass es in der Traumdeutung immer ganz besonders abhängig davon ist, wer es träumt. Und wie man das Leben des Träumenden in Koexistenz bringen kann.

      the Valley: Träumst du prophetische Träume? (Die prophetischen Träume sind die Träume, die Ereignisse prophezeien können, die später im Wachen wirklich geschehen).
      Adrian Hates: Das ist schwer zu sagen. Ich glaube, dass es viele Träume gibt, die auch mal wahr werden, also auch geträumte Träume. Das Erlebte verarbeitet man und da kann es schon mal vorkommen, dass man im Nachhinein feststellt, dass man das Erlebte auch schon mal geträumt hat. Und dabei rede ich nicht von einem Déjà-vu. Seherische Fähigkeiten würde ich jemandem, dem das passiert, aber trotzdem nicht zusprechen. Es gibt auch einfach Entwicklungen, die vorhersehbar sind bzw. die sich aus Mustern ergeben, die im eigenen Leben vorhanden sind und einem selber nicht logisch oder vorhersehbar erscheinen. Es gab schon Sachen, wo ich erschrocken war und nicht glauben konnte, dass ich das so schon geträumt hatte. Oft hängt mir ein Traum noch lange nach, der gesamte Vormittag ist oft sehr schwergängig, wenn ich noch in der Welt festhänge, die ich Stunden zuvor noch im Kopf hatte. Aber ich bin so und so die erste Tageshälfte nicht wirklich zu gebrauchen, da ist mein Kopf sehr langsam. Ich fange nachmittags an zu funktionieren und bin am späten Abend auf höchstem Niveau. (lacht)

      
 
       Adrian und Sprachen

      
       the Valley: Die Texte von Diary of Dreams sind meistens auf Englisch, weniger auf Deutsch. Du hast einmal gesagt, dass die englische Sprache für dich beinahe wie deine Muttersprache ist. Aber jetzt bist du eher in der deutschsprachigen Umgebung. Gibt es noch Platz für die englische Sprache in deinem Alltag? Vielleicht Bücher oder Filme?
      Adrian Hates: Da gibt es jede Menge Platz. Ich gucke, zum Beispiel, die Serien, die ich auf DVD schaue, fast immer in Englisch im Originalton, viele Spielfilme auch im Originalton. Ich habe Familie in den USA, mein beruflicher Alltag mit dem Label, für Konzerte oder Promotion und das alles macht den Gebrauch der englischen Sprache für mich zum Alltag, und das genieße ich auch sehr. So ist es für mich immer noch eine zweite Muttersprache, wenn gleich man merkt, dass die Wortgewandtheit und die Schlauheit, die man über die Jahre mit der Sprache entwickelt, in der richtigen Muttersprache immer noch mit Abstand führender ist.

      
 
       Adrian und Fotografie

      
       the Valley: Auf dem Album “Cholymelan” wurden Fotos für das Booklet verwendet, die du selbst gemacht hast. Hast du immer noch die Zeit für dieses Hobby? Und wenn ja, was fotografierst du am liebsten?
      Adrian Hates: Natur und meine Hunde. Ich fotografiere gerne Dinge, die auf dem Foto nicht so aussehen wie das Original, etwas, das sich verfremdet dadurch, dass man eine bestimmte Perspektive oder einen bestimmten Ausschnitt wählt. Aber ich bin kein technisch guter Fotograf, ich habe vielleicht ein gutes Auge für schöne Sachen, aber ich bin keiner, der sich jetzt auf die Fahne schreiben würde, dass er gut fotografieren könnte. Ich brauche dann vielleicht länger für ein Bild, oder mache es mit modernen technischen Hilfsmitteln. Ich wäre niemals eine Konkurrenz für Talente wie Silke Jochum oder Annie Bertram, die Fotografinnen, mit denen wir immer zusammenarbeiten. Oder du, zum Beispiel, du hast Fotografie ja auch richtig fett drauf. Ich hab da das technische Wissen nicht und habe mich auch nie damit auseinandergesetzt. Ich bin auch jemand, der denkt, dass es nicht unbedingt erstrebenswert ist, alles ein bisschen zu können, sondern lieber etwas intensiver macht. Aber das hält mich nicht davon ab, in der Freizeit in bisschen schöne Dinge zu fotografieren.

      
 
       Accession Records

      
        the Valley: Was geschieht nun mit dem Label Accession Records?
      Adrian Hates: Bei Accession passiert derzeit das, was der Markt uns aufzwingt: Reduktion auf ein Minimum. Das heißt, die Veröffentlichungen zu machen, an denen mein Herz hängt, wo mir auch an den Menschen viel liegt, abzuwarten, wie sich die Industrie entwickelt, und dann gegebenenfalls zu reagieren oder es dabei zu belassen, wie es jetzt läuft. Im Moment sind die Mutterschiffe Diary, .com/kill und Diorama, es gibt noch ein paar andere Bands, die aktiv sind, aber man muss warten, wie sich das alles noch entwickelt. Ich weiß es, ehrlich gesagt, im Moment selbst nicht und wage da auch keine Prognose. Das Label existiert seit fast 20 Jahren und, dass man da so in die Knie gezwungen wird, von der Marktveränderung und von der Änderung des Kaufverhaltens von Menschen, das ist schon traurig. Denn es ist ja erwiesen, dass Musik heute 7-mal mehr von der Zeit her konsumiert wird, als vor 10 Jahren. Wenn man dann daran denkt, wie viel weniger Musik gekauft wird, der Bedarf wird dann irgendwo anders gedeckt. Das ist natürlich traurig und das tut weh, weil man sich an einem Punkt nicht wertgeschätzt fühlt, wie wir es gerade schon hatten.

      the Valley: Wie viele Bands werden in der Zeit von Accession Records unterstützt? Welche von ihnen entwickeln sich am dynamischsten?
      Adrian Hates: Es ist nun mal so, dass Diary die dynamischste Entwicklung hat, aber auch seit 20 Jahren das Gaspedal auf dem Bodenblech hat, und wir uns an allen Fronten bemühen, immer etwas Neues zu machen, uns stetig zu verbessern und regelmäßig Musik zu veröffentlichen. Es gibt auch Bands, die das in dem Umfang gar nicht können, weil die Musik vielleicht nur ein Hobby ist, und sie gar keine Perspektive haben, davon zu überleben, und deswegen einen normalen Job machen und vielleicht auch noch Familie nebenbei haben. Das so eine Band natürlich nicht die gleiche Dynamik vorweisen kann, ist dann die Natur der Dinge, aber das macht die Musik nicht weniger wertig.
      Das Label besteht aus ca. 10 Bands, so in der Drehe. Wie viele es nächstes Jahr noch sind, kann ich nicht sagen. Vielleicht geht es auch mal wieder ein bisschen bergauf. Ich glaube es nicht… durch das Streaming gehen ja mittlerweile auch die Downlodzahlen zurück. Da weiß man gar nicht mehr, womit man am Ende noch Geld verdienen soll. Da wird wohl nur noch das Crowdfunding das einzige sein, was übrig bleibt.
      Sandra Golchert: Das wäre jetzt meine Frage gewesen: Viele Bands entscheiden sich dafür, nicht mit einem Label zusammenzuarbeiten, sondern ihre Arbeit durch Crowdfunding finanzieren zu lassen. Was hältst du davon?
      Adrian Hates: Das eine schließt das andere nicht aus, das mal ganz vorne weg. Ich glaube, dass man einen Tonträger auf den herkömmlichen Weg über den Vertrieb mit klassischer Promotion machen kann und trotzdem den Tonträger crowdfunden kann. Man muss es nur irgendwie in einen sinnvollen Kontext bringen. Und wenn die Zukunft den Musikern keine andere Option lässt, als sich zwischen Crowdfunding oder dem Aufhören zu entscheiden, dann ist das eine Frage ohne Alternativen. Ich kann nur sagen, dass wir schon mehrfach darüber nachgedacht haben, ob wir es auch machen und auch jetzt akut die Frage auf dem Tisch ist.

      the Valley: Warum gibt es keine Accession Compilationen mehr?
      Adrian Hates: Zum einen, ist die Erwartungshaltung gegenüber Label Compilations, dass sie sehr günstig sein müssen, damit sie Verbreitung finden. Dann ist es so, dass so eine Compilation überhaupt nur dann Sinn macht, wenn man sehr exklusives Material oder seltenes Material anbieten kann, und wer einmal einen Zoo an Musikern verwaltet hat, der weiß, dass es unglaublich aufwendig ist, so eine Compilation zusammenzutrommeln. Ich habe dann, ehrlich gesagt, irgendwann ein bisschen die Muse verloren, so einer Compilation hinterherzulaufen. Für die letzte Accession Compilation habe ich 1,5 Jahre gebraucht, bis alle Tracks zusammen waren. Dann haben wir noch die „Klangfusion“ gemacht, das war die Kooperation zwischen [:SITD:] und Painbastard, wo dann auch noch andere verschiede Musiker mitgewirkt haben, ich, zum Beispiel, auch mit meinem Diary-Umfeld. Fand ich super und, wer weiß, vielleicht gibt es irgendwann nochmal eine Accession Compilation, ist gut möglich.

      the Valley: Viele Fans von Diary of Dreams in Russland haben keine Accounts in iTunes. Die Registrierung auf iTunes ist kompliziert und deswegen möchte man diese Plattform nicht benutzen. Im Gegenteil, Bandcamp ist prima in Sachen legale Downloads. Es funktioniert auch gut für diejenigen, die in Russland leben. Habt ihr vor, die Diary of Dreams Seite auf Bandcamp weiter zu entwickeln, um eure Releases da zu verkaufen, wie es, z.B., In Strict Confidence tun?
      Adrian Hates: Wir haben mit dem letzten Album die Bandcamp Resonanzen getestet und die sind minimal. Ich habe diese Anfrage in relativ hoher Anzahl aus Russland bekommen, habe aber nur eine Handvoll Downloads aus Russland bei Bandcamp vom aktuellen Album. Die Anmeldung bei iTunes kann ich auch nicht wirklich als kompliziert empfinden, aber ob sich jetzt jemand bei iTunes anmelden will oder nicht, ist jedem komplett frei gestellt, egal wie kompliziert oder unkompliziert das ist. ich weiß die Zahl nicht mehr genau, aber unser Digitalvertrieb vertreibt unser Album auf über 700 Plattformen und irgendwie hoffe ich doch, dass da eine dabei ist, der man sich zuwenden möchte. Aber ansonsten werden wir auch Bandcamp weiterhin als Plattform anbieten und freuen uns natürlich auch über vermehrten Download über Bandcamp.

      
 
       Andere Teilnehmer von Diary of Dreams und die Arbeit mit den anderen Musikern

      
       the Valley: Fast alle Musiker der aktuellen Besetzung bei Diary of Dreams haben eigene Musikprojekte neben DoD. Früher war das auch so... Was hältst du von dem kreativen Schaffen deiner Bandkollegen?
      Adrian Hates: Zum einen, sehe ich grundsätzlich den Faktor, dass jede Art von Ausleben kreativer Natur, sei das Musik oder etwas anderes, eine Entwicklung mit sich bringt, und die kann ja wiederum nur förderlich für uns sein. Dann ist es ja auch so, dass die einzelnen Musiker auch neue Leute kennenlernen, neue Musiker und neue Locations, und ich glaube, dass sich dadurch immer ein Pool an Kreativität und interessanten Menschen entwickelt, und auch davon kann man immer nur profitieren. Das sehe ich immer erstmal positiv. Wenn es natürlich in die Quere kommt, so dass man nur noch damit zugange ist, es schwierig wird, Termine abzugleichen, und Schwierigkeiten hat, freie Termine für Diary Konzerte zu finden, dann würde mich das nicht mehr so amüsieren. Aber bei uns ist das in einem sehr gesunden Rahmen, jeder macht das sehr bewusst und sehr verantwortungsbewusst. Deswegen begrüße ich das und unterstütze das, so gut ich kann.

      the Valley: Wie geht es D.N.S. und was macht er jetzt so?
      Adrian Hates: Ich habe mit ihn zuletzt vor ein paar Monaten telefoniert, so richtig weiß ich nicht, was er macht, aber ich glaube, dass er sich sehr in sein Privatleben gestürzt hat. Von ihm selbst weiß ich, dass ihm die Zeit mit Diary sehr gut getan hat und sehr viel Freude gemacht hat, aber irgendwann war einfach der Zeitpunkt da, wo er eine Flucht ins Privatleben gebrauch hatte. Er wollte sich mehr zurückziehen und mehr Normalität in seinen Lebensalltag bringen. Man liest und hört sich ab und zu, leider nicht so oft, wie ich es gerne würde, aber wir leben auch relativ weit voneinander entfernt und deswegen ergibt sich auch nicht eben ein kurzer Besuch. Er fehlt uns oft, er ist ein toller Mitmusiker gewesen, er war ein Mensch mit einer unglaublich positiven Aura und der hat uns immer angesteckt. Wir haben viel zusammen gelacht und erlebt, das wird uns immer verbinden.

      the Valley: Was hältst du von Cover-Versionen deiner Songs, die die anderen Bands machen? Und wenn diese Covers dir gefallen, würdest du eine DoD-Tribut-CD veröffentlichen?
      Adrian Hates: Kommt drauf an… ich bin grundsätzlich kein großer Freund von Cover-Versionen, weil ich denke, dass eine Originalversion einfach einen Sinn und eine Bedeutung hat. Es gibt vereinzelt Cover-Versionen, die ich gut finde, nicht nur von Diary, auch allgemein. Davon eine CD zu veröffentlichen, ist eine ganz lustige Idee, sowas in der Art hatte ich auch schon mal im Schädel, habe dann aber davon abgesehen, weil ich damit ja etwas huldige, was ich im allgemeinen eher skeptisch sehe.

      the Valley: Im Mai hat das Projekt .com/kill das Licht der Welt erblickt. Dieses Projekt scheint mir mehr ein DoD verwandtes Projekt als ein fremdes zu sein. Wie steht es mit der Zusammenarbeit mit den Musikern aus den anderen Bands? Dabei meine ich nicht nur die Zusammenarbeit, wie, z.B., mit Torben Wendt oder Amelia Brightman, die an den Songs von Diary of Dreams mitgewirkt haben, sondern eine komplett separate Zusammenarbeit als ein eigenständiges Projekt. Lässt du sowas für dich zu? Mit wem könntest und möchtest du sowas zusammenmachen? Was für ein Projekt könnte es sein?
      Adrian Hates: Es hat natürlich irrsinnig viele Vorteile, wenn man das kreative Team zurückgreift, mit denen man vertraut ist, mit denen man einen Vertrauensbasis hat, sich wohlfühlt und wo man weiß, was die Leute auch können, somit ist es kein Wagnis, aber trotzdem ein Experiment, weil man etwas Neues zusammenmacht. Ich kann mir gut vorstellen, dass auch wieder neue Leute dazu kommen, aber das ist etwas, wo man sich nochmal austoben will, etwas anderes probiert. Aber eine neue Band mit komplett neuen Leuten ist im Moment weniger vorstellbar. Ob ich das in Zukunft noch genau so sehe, kann ich allerdings nicht sagen, das kann sich auch ändern. Das ist ja auch das Schöne an der musikalischen Freiheit, an der Kreativität, sich eben nicht so viele Grenzen zu setzen und sich selbst Dinge zu verbieten, sondern sich den Horizont offen zu lassen und die Perspektiven frei zu halten.
      Auf dem vorletzten Album hatten wir auch diverse Leute mit dabei, die musikalisch noch etwas dazu beigetragen haben. Aber sowas ist von der Arbeitsweise her immer etwas komplett Anderes als im eigenen Team. Wenn ich Flex oder Gaun:A sage „ich hätte hier gerne noch eine Gitarre, ich stell mir das so und so vor…“, dann verstehen die meine Sprache, die verstehen meine Denkweise, die wissen, wie ich ticke, und die Trefferquote, dass sich ihre Idee mit meiner deckt, ist einfach irrsinnig hoch. Diesen Level muss man mit neuen Leuten erst finden, da muss man sich erst hinarbeiten. Das klingt jetzt so, als wäre ich dazu zu müde oder zu faul, aber das ist es nicht. Es ist natürlich leichter, sich mit Gleichgesinnten kreativ auszutoben, wo man von Anfang an eine Art der mentalen Intimität hat, als auch eine emotionale Nähe zu der Person. Das ist ein enormer Luxus und eine Bereicherung für jegliches kreatives Arbeiten. Warum soll ich mich abstrampeln und mich tausenden Leuten treffen, um vielleicht einen Menschen zu finden, wo ich wieder so ein Arbeitsgefühl habe, wenn ich die Leute schon habe?

      the Valley: Hast du den Wusch, irgendwann ein Duett mit jemandem zu singen? Hast du solche Vorschläge von den anderen Bands bekommen?
      Adrian Hates: Vorschläge von anderen Bands bekomme ich sehr oft und andere Anfragen, aber ich mache das nicht so gerne, weil es dann auch einfach fehlende Zeit für die eigene Band und die eigene Kreativität ist. Ich finde auch, dass man mit der eigenen Stimme bzw. den eigenen Stimmen für die eigene Band steht und ein Gastsänger etwas sein sollte, das hervorsticht und selten ist, nur dadurch bekommt es auch eine besondere Bedeutung. Wie auch, zum Beispiel, Martin Kessler oder Amelie Brightman oder Torben natürlich. Wenn man das als Standard betreibt, ist es auch nicht mehr außergewöhnlich. So viele Stimmen fallen mir auch nicht ein, wo es mich reizen würde, mit denen zu arbeiten. Es gibt natürlich superlative Stimmen, die ich spektakulär finde, aber das sind Wunschträume und total utopisch, teilweise auch einfach nicht realisierbar. Ansonsten ist auch nicht immer das Bedürfnis da, ich finde, wir können auch so viel mit unseren Stimmen machen, da konzentrieren wir uns lieber darauf.

      the Valley: Habt ihr das Gefühl mit anderen Bands in Konkurrenz zu stehen?
      Adrian Hates: Nein! Ich glaube, musikalisch stehen wir auf irgendeine Art und Weise eh ziemlich für uns, in dieser musikalischen Familie ist, meiner Meinung nach, ansonsten nur Diorama noch beheimatet. Wir haben ähnliche Wurzeln, eine ähnliches Verständnis von Musik und ähnliche Visionen davon, wie Musik klingen soll – das macht unsere musikalische Familie aus. Ansonsten fällt es mir schwer, Bands zu nennen, die ich die gleiche musikalische Reihe stellen würde. Wobei ich natürlich auch nicht sagen will, dass wir der Superlativ der Innovation sind, darum geht es gar nicht, sondern um die Art und Weise, mit Musik und Gesang zu arbeiten und das Ganze zu Einem zusammenzufügen, wie auch die Harmonie, Struktur und die Emotion, die in der Musik steckt. Natürlich gibt es jede Menge elektronische Bands, die live mit einem ordentlichen Schlagzeug und jede Menge Gitarren richtig Gas geben, aber irgendwas ist da an uns, dass uns auch die letzten 25 Jahre überstehen lassen hat und uns von anderen unterscheidet und trennt. Sowas ist auch wichtig, um als Musikerüberleben zu können. Das scheinen wir zu haben und das freut mich natürlich sehr.

      
 
      Diary of Dreams und Fans

      
       the Valley: Ist es euch wichtig, wie viele Menschen eure Musik hören? Kann man sagen, dass die Veröffentlichung jedes neuen Albums ein neuer Kampf um den Hörer ist?
      Adrian Hates: Ungewollt ist das eine sehr schlaue Frage, denn die Frage hat eigentlich zwei komplett unterschiedliche Herangehensweisen. Zum einen, soll diese Frage implizieren, ob es einem wichtig ist, wie viele CDs gekauft werden, zum anderen, ob es nur interessiert, wie viele Leute die Musik hören. Klar, es ist überlebenswichtig, dass die Musik gehört und gekauft wird, dass wir unterstützt werden. Das interessiert uns natürlich sehr wohl. Es ist aber nicht so, dass es uns wichtig ist, dass uns möglichst viele hören, sondern dass es die Leute, die es hören, bereichert. Dass die Musik denen auf irgendeine Art und Weise etwas schenkt, oder sie berührt. Und wenn das der Fall ist und die Leute sich dazu durchringen können, uns dafür etwas zurückzugeben, sei das ein Konzertticket oder eine CD kaufen, Merch kaufen oder was auch immer, dann berührt uns das auf eine gewisser Art und Weise zurück. Das ist ein Kreislauf und Austausch, der doch recht schön ist.
      Natürlich ist es uns gewissermaßen wichtig, unsere Unterstützer zu behalten, aber wir würden das nie auf Kosten der Kunst machen. Wir würden nie versuchen, ein Album in eine gewisse Richtung zu schustern, Hauptsache es gefällt, weil ich immer der Meinung bin, dass ein solches Unterfangen nur schief gehen kann. Ich werde lieber ein Album machen, von dem ich 1000%ig überzeugt bin. Wenn es dann floppt, kann ich zumindest sagen „ich habe aus voller Überzeugung dieses Album gemacht und habe es veröffentlich, weil ich überglücklich mit dem Album war“. Aber wenn ich ein Album auf eine Erwartungshaltung hin produziere, in eine bestimmte Richtung biege und das dann floppt, dann bin ich am Ende gleich doppelt gestraft. Erstens, weil ich mich selber belogen und hintergangen habe und, zweitens, weil es nicht funktioniert hat. Also, sollte man immer daran festhalten, dass das, was man selber hören und machen will, der einzige richtige Weg sein sollte, und wenn das natürlich die Leute mitnimmt, fasziniert oder erfreut und begeistert, dann ist die Freude doppelt so groß.

      the Valley: Man sagt, die Musik von J. S. Bach ist es, wenn Herr Gott zu uns spricht. Und wir selbst sind die Musik von Ludwig van Beethoven: sie ist es, wenn wir zu Herrn Gott sprechen. Wer ist der Empfänger deiner Musik? Wie ist dieser ideale Zuhörer? Wie kannst du ihn beschreiben?
      Adrian Hates: Ich würde mal sagen, dass ich es leider nicht zu beurteilen vermag, ob jenseits des Himmels oder der Hölle unserer Musik lauscht, aber dass ich mit dem Publikum, das uns zuhört, sehr zufrieden bin. Das sind auch Leute, die sich sehr viele Gedanken darüber machen, was wir schreiben und sagen. Wir werden da sehr intensiv unterstützt. Ich glaube, dass das Publikum, das uns gefunden hat und das wir gefunden haben, zusammen kommuniziert, weil es zusammenpasst. Insofern haben sich die Richtigen gefunden.

      the Valley: Was würdest du davon halten, wenn ein Fan dir eine Art Geschenk machen würde: ein Videoclip zu einem deiner Diary of Dreams Songs drehen würde? D.h., es wird kein billiges “Foto+Ton”-Video, sondern ein echtes schönes Video. Und alles wird mit deiner Genehmigung gemacht, also wird es keine kommerzielle Verwendung deiner Songs.
      Adrian Hates: Ich würde mich darüber extrem freuen. Das ist ein super Geschenk – nur her damit. Gerne zu jedem Album zwei Songs (lacht). Das ist ein Geschenk, das bekomme ich gerne regelmäßig. Wenn das tatsächlich eine Idee ist, sollte man natürlich erstmal kommunizieren, vielleicht können wir mit unserem Input solch ein Projekt ja bereichern.

      the Valley: Was hältst du davon, dass einige Fans sich mit dem Diary of Dreams Logo tätowieren lassen?
      Adrian Hates: Bei den ersten Malen hat es mich kurz befremdet, aber gleichzeitig fasziniert und auch tief geehrt. Mittlerweile habe ich diverse Größen und Motive und extrem faszinierende Arbeiten gesehen und bin immer noch begeistert und erfreut und witzigerweise auch dankbar, ich kann gar nicht benennen warum, aber es erfüllt einen schon mit Stolz. Stolz, dass jemand das für so wichtig in seinem Leben erachtet, dass er das auf seinem Körper tragen möchte. Das freut sehr.

      the Valley: In Russland schenkt man euch viel Alkohol. Mögt ihr Geschenke solcher Art oder habt ihr eine gewisse Vorliebe für Alkohol?
      Adrian Hates: (lacht) Die Berufsalkoholiker melden sich wieder zu Wort!
      Ich glaube, das rührt vielleicht ein bisschen daher, dass wir, wenn wir in einem Land sind, in die Traditionen eintauchen. Dass wir gerne die Spezialitäten des Landes ausprobieren, seien das Nahrung oder Getränke. Und vor einem Konzert ein gepflegtes Glas der nationalen Spezialität zu trinken, ist ja auch eine schöne Geste. Wir sind von Grund auf neugierig und das kann man da auch sehr gut ausleben. Das heißt jetzt aber auch nicht, dass wir jeden Abend eine Palette Wodka in Russland geschenkt bekommen möchten, das können wir weder trinken noch transportieren. Aber uns freut eine Geste auf jeden Fall immer sehr.

      
 
       Logo und Schrift von Diary of Dreams

      
       the Valley: Die Schrift von Diary of Dreams ist exklusiv: wer hat sie entwickelt?
      Adrian Hates: Die haben wir gemeinsam über die Jahre hinweg entwickelt. Immer weiter gemorpht, wie wir so schön sagen. Wir haben sie dann auch gerne mal auf Nachauflagen der alten CDs angepasst. Das war eine Gemeinschaftsarbeit mit verschiedenen Grafikern und anderen Kreativen, Gaun:A und mir – wir haben da alle unsere Kleinigkeit beigetragen.

      the Valley: Was bedeuten die Logos von Diary of Dreams (die Blume und der Vogel) und wie sind sie entstanden?
      Adrian Hates: Die basieren, zum Teil, auf tatsächlich existenten Logos aus verschiedenen Kulturen, die da einfache Symbolfunktion haben. Wir haben die, sozusagen, mit in unsere Diary of Dreams Welt gebracht und haben ihnen Bedeutung zugeordnet. Ich finde immer wichtig, dass ein Logo eine gewisse Form der Ästhetik, eine thematische Zugehörigkeit hat und eine Emotion ausstrahlt. Quasi dass man schon in dem Logo etwas Musikalisches fühlen kann.

      
 
       Offizielle Website und Bandgeschichte von Diary of Dreams

      
       the Valley: In einem Interview in 2009 hast du auf die Frage über die nächsten Kapitel der Bandgeschichte (auf der offiziellen Webseite wurde damals das erste von Doreen Krase geschriebene Kapitel veröffentlicht) geantwortet, dass das 2. Kapitel schon auf deinem Tisch liegt und dass es in der Zukunft viel mehr geben wird. Aber nach dem Re-Design der offiziellen Webseite gibt es keine weiteren Kapitel der Bandgeschichte. Darüber hinaus, ist sogar das erste Kapitel verschwunden... Werden wir irgendwann die offizielle Bandgeschichte mal lesen können?
      Adrian Hates: Das ist leider eines der Opfer meiner mangelnden Zeit. Ohne Witz – ich habe es immer noch auf dem Tisch liegen, ich habe es immer noch hier, muss es auch immer noch durcharbeiten, finde aber die Zeit nicht dazu. Es gibt immer so viel zu tun, so viele Dinge, die ich auf meinem Schreibtisch liegen habe, die symbolisch für etwas stehen, was ich machen wollte, und ich schaff einfach nicht alles. Da sich auch die Zeiten finanziell geändert haben und man sehen muss, dass man vielleicht personal etwas machen muss, übernimmt man natürlich vieles selbst und legt es nicht jemand anderem auf den Tisch und sagt „Hier, mach mal“, es liegt eben in meinen Händen und das heißt ab und zu mal, dass einiges ein bisschen mehr Zeit braucht.

      
 
 
       Ein Wort an die Fans:

      Ich bin immer wieder erstaunt und fasziniert über die unglaubliche Fantreue, die wir aus Russland erfahren. Jede Russlandtour ist wie ein kleines Geschenk, wir sind immer wieder unglaublich dankbar, dass wir zurückkommen dürfen und jetzt über so viele Jahre hinweg eine so treue Fanschar haben und möchten uns dafür einfach nur immer wieder von Herzen bedanken und hoffen, dass wir mit solchen Zusatzgeschenken, wie diesem Interview, zum Beispiel, ein kleines bisschen Ausdruck dafür verleihen können, wie dankbar wir unseren Fans in Russland sind.



      Ein Wort von Morgana:

      Ich bedanke mich recht herzlich bei Adrian Hates dafür, dass er die Zeit für solch ein ausführliches Interview gefunden hat und dass er so viele Fragen von den Fans von Diary of Dreams beantwortet hat. Ich bedanke mich auch ganz herzlich bei Sandra Golchert, die sich große Mühe gegeben hat, damit dieses Interview stattfinden konnte und damit wir alle es lesen konnten. Ganz herzlichen Dank dafür!

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      [1] - Die Frage wurde vor der Veröffentlichung des zweiten Videoclips gestellt. (Anm. von Morgana)